"Kann auch 20.000 Flüchtlinge in Traiskirchen unterbringen"

Interview25. Oktober 2015, 08:00
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Regierungsberater Kilian Kleinschmidt erklärt, wie er das Flüchtlingslager Traiskirchen zu einem menschenwürdigen Ort machen will und was die Arbeit in Österreich mitunter besonders schwer macht

STANDARD: Monatelang wurde die Öffentlichkeit aus dem Lager Traiskirchen ausgesperrt. Nun wurden gleich zwei Journalistenführungen nacheinander organisiert. Was wurde gezeigt: das echte oder das geschönte Lager?

Kleinschmidt: Man sieht natürlich nie alles, das ist klar. Aber jetzt sind die Zelte endlich leer. Auch die Aufenthaltsräume, die Schulungsräume sind wieder geöffnet, der Kindergarten funktioniert.

STANDARD: Auch eine Caritas-Ausgabestelle für Sachspenden wurde im Lager eröffnet. Gehen diese Verbesserungen aber nicht auf Kosten jener Asylwerber, die aus Platzmangel weggeschickt werden?

Kleinschmidt: Wer besonders bedürftig ist, kommt gleich in eine Erstaufnahmeeinrichtung. Die anderen sollen sich selbst in alternative Unterkünfte einquartieren, wobei die Betreiber, auch Privatpersonen, durch ein Vouchersystem bezahlt werden sollen. Aber dieses System funktioniert noch nicht. Resultat sind die berühmten Obdachlosen.

STANDARD: Ist diese Obdachlosigkeit nicht auch ein Kommunikationsproblem? Kürzlich nächtigten Asylwerber noch vor dem Lager, weil an der Pforte die Info fehlte, dass er oder sie hineindurfte.

Kleinschmidt: Bestimmt. Wir brauchen eine ganze Kette von Informationspunkten. Und wir richten im Haupthaus jetzt WLAN ein, mit dem man automatisch zu einem Informationsportal in verschiedenen Sprachen geleitet wird. Im Haupthaus sind jetzt auch die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge eingezogen. Für eine längerfristige Unterbringungslösung schauen wir uns gerade Konzepte anderer Länder an.

STANDARD: Im Haupthaus waren bislang eine Reihe von Räumen aus feuerpolizeilichen Gründen gesperrt. Die Initiative dazu kam vom Traiskirchner Bürgermeister Andreas Babler. Wie finden Sie das?

Kleinschmidt: Allgemein gesprochen wäre jetzt der Zeitpunkt, um die Politik beiseitezulegen und Menschen, die Asyl brauchen, menschenwürdig zu behandeln. Stattdessen wird mit der maximalen Belegungsstärke von 1820 Personen argumentiert. Verständlich, aber logistisch kein Muss: Wenn Sie mich machen lassen, kann ich auch 20.000 Flüchtlinge in Traiskirchen unterbringen.

STANDARD: Wollen Sie das?

Kleinschmidt: Nein. Ich sage nur: Der Platz ist da. Man kann Container aufstellen. Im Lager Zaatari musste ich pro Nacht manchmal 3000 Menschen unterbringen.

STANDARD: Hat man sich in Österreich zu lange Zeit gelassen, um das Quartierproblem als solches zu identifizieren – und stattdessen auf die abschreckende Wirkung gegenüber Asylsuchenden gebaut?

Kleinschmidt: Der Hintergedanke, dass man nicht unheimlich große Lust hat zu signalisieren "Jetzt kommt mal" könnte da sein. Das Zweite sind die verschiedenen Kompetenzebenen: Es ist unfassbar, wie viele Leute sich einigen müssen, um sich in Sachen Asylwerberunterbringung auf etwas zu einigen – etwa wann man eine Kaserne aufsperren kann und wann nicht. Ich meine, 20 Minuten von Traiskirchen entfernt ist die Kaserne Baden. Aber die kann man nicht aufsperren, weil da sind wieder irgendwelche Politiker und es ist dann wieder Niederösterreich und es ist das und es ist jenes und die Landeshauptmänner und überhaupt.

STANDARD: Kritisiert wird, dass die Flüchtlingsbetreuung in Traiskirchen privatisiert wurde. Wie beurteilen Sie die Arbeit der ORS?

Kleinschmidt: Trotz kommerziellen Vertrags und mitunter wenig Transparenz sind die okay. Das sind ganz normale Leute, die versuchen, ihren Job zu machen. Und das Gefühl haben, dass viel von der Kritik eigentlich woanders hingehört. Viele Leute der ORS haben den berühmten Migrationshintergrund. Wir haben ihnen übrigen auf den Rücken draufgemalt, welche Hauptsprache sie sprechen.

STANDARD: Ist das Lager Traiskirchen mit den vielen Verantwortlichen – Ministerium, Polizei vor Ort, Asylbehörden, Privatfirma ORS – für Chaos aber nicht prädestiniert?

Kleinschmidt: Natürlich ist das hinderlich. Wäre ich bereits im Sommer Manager von Traiskirchen gewesen, ich hätte bestimmte bautechnische Restriktionen einfach nicht akzeptiert. Da muss sich erst jemand hinstellen und mir sagen: "Nein, du verteilst jetzt keine Matratzen!" Ich verteile sie doch. Die Nachricht, die in dieses System muss, lautet: Können wir jetzt bitte hier irgendwo Vernunft reinbringen?

STANDARD: Zeitgleich stockt die Weiterfahrt der tausenden nach Deutschland reisenden Flüchtlingen immer öfter. Ist Österreich für einen größeren Rückstau gerüstet?

Kleinschmidt: Klar ist, wir müssen uns dafür rüsten. Laut der Internationalen Organisation für Migration sind allein in den vergangenen fünf Tagen vor Mittwoch dieser Woche 48.000 Flüchtlinge in Griechenland angekommen. (Interview: Irene Brickner und Karin Riss, 25.10.2015)

Zur Person:

Kilian Kleinschmidt, 53, arbeitete 25 Jahre in Krisengebieten für die Uno, leitete unter anderem das zweitgrößte Flüchtlingslager der Welt in Zaatari, Jordanien. Seit 2014 lebt der Leiter der Innovation and Planning Agency (Ipa) in Wien.

  • "Die Nachricht, die in dieses System muss, lautet: Können wir jetzt bitte hier irgendwo Vernunft reinbringen?", findet Regierungsberater Kilian Kleinschmidt.
    foto: standard/regine hendrich

    "Die Nachricht, die in dieses System muss, lautet: Können wir jetzt bitte hier irgendwo Vernunft reinbringen?", findet Regierungsberater Kilian Kleinschmidt.

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