Lied von der Schädeldecke

23. Oktober 2015, 16:48
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Die Tanzoper über eine große biblische Figur von Komponistin Judith Unterpertinger – am Wochenende in der Mumok Hofstallung

Wien – Zwei Seiten einer biblischen Legende zeigt die Komponistin Judith Unterpertinger noch am Wochenende in der Mumok Hofstallung. Bei ihrer von der Neuen Oper Wien präsentierten Tanzoper Judith Schnitt_Blende sitzen zwei durch große Videoscreens getrennte Auditorien einander gegenüber. Verbunden werden diese beiden Welten durch die Tänzerin Martina Haager.

Die Tanzoper ist ein Barock-Erbe, wie etwa im Vorjahr bei Jean-Philippe Rameaus Platée (1745) im Theater an der Wien zu sehen war. Auch Pina Bausch hat der Tanzoper etwas abgewonnen: 1974 holte sie mit Christoph Willibald Glucks Iphigenie auf Tauris erstes öffentliches Lob.

Judith und die Großmutter

Unterpertinger, die der neuen Musik zuzurechnen ist, kooperiert mit der Wiener Choreografin Katharina Weinhuber. Sie konfrontiert die biblische Judith mit der Figur ihrer Großmutter, und mit einer "zeitgenössischen" Judith. Letztere steht, wie das Libretto (Magdalena Knapp-Menzel) suggeriert, näher an Hannibal Lecter als etwa an Judith Butler: "schädel decke muss / durchgestossen sein. / willst du mit mir fick? /.../ hoden, zugegeb / en leicht zu seziern / ein biss, und."

Der Text ist also nicht zahnlos. Auch Unterpertingers Musik hat Griff. Und Haager tanzt dämonisch und mit eisiger Klarheit. Der dreifachen Judith – vokal wie körperlich repräsentiert von Elisabeth Kanettis, Claudia Cervenca und Anna Maria Pammer – entspricht im Stück ein instrumentales Trio aus Fagott, Viola da Gamba und Clavichord.

Im mit dem Text korrespondierenden Video (Catherine Ludwig) wird die getanzte Judith zu Gespenst und Schatten. Echt gruselig ist aber erst die Kostümierung vor allem der als Performerinnen agierenden Vokalistinnen. Abgesehen davon aber besticht diese Arbeit durch Komplexität und Dichte. (Helmut Ploebst, 24.10.2015)

Museumsquartier, Mumok Hofstallung, 24./25. 10., 20.00

Link: www.neueoperwien.at

  • Dämonisch und mit eisiger Klarheit: Martina Haager in Judith Unterpertingers Tanzoper im Museumsquartier.
    foto: armin bardel

    Dämonisch und mit eisiger Klarheit: Martina Haager in Judith Unterpertingers Tanzoper im Museumsquartier.

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