Brustkrebs: Mit Pink gegen biologische Gemeinheit

25. Oktober 2015, 12:00
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In den USA bedeutet die Diagnose den Aufruf zum Heldentum, in Österreich ist sie tabu

Es gibt Momente im Leben, die ziemlich viel verändern. Die Diagnose Krebs zum Beispiel. Von einem Augenblick auf den anderen ist durch ein einziges Arztgespräch die Unbeschwertheit weg. Michael Gnant, Brustkrebsspezialist an der Med-Uni Wien, hat schon viele solcher Momente erlebt. Ein paar Tausend Mal, so schätzt er, saß er Frauen gegenüber, denen er die Diagnose Brustkrebs mitteilen musste.

"Es gibt kein Reaktionsmuster, jede Frau nimmt diese Nachricht anders auf", sagt er, "doch Angst ist immer dabei. Dass sie bewältigbar ist, wissen viele noch nicht, weil sie die Gefahr der Erkrankung überschätzen", sagt Gnant. Als Leiter der Brustkrebsstudiengruppe ABCSG weiß er, dass viele Formen der Erkrankung heute heilbar sind. Mit der Diagnose leben zu lernen ist aber eben ein Prozess.

Soziale Auswirkungen

Kathryn Bouskill, Anthropologin an der Emory-Universität in Atlanta, interessierte sich genau für diesen Prozess. Sie erforscht die sozialen Auswirkungen der Diagnose Brustkrebs und kennt den amerikanischen Umgang damit. "Im Oktober ist buchstäblich das ganze Land in Pink gehüllt. Es ist die amerikanische Art auszudrücken, dass man über ein Thema öffentlich reden will, und das funktioniert wirklich gut", weiß Bouskill über die US-Pink-Ribbon-Kampagne. Ihre Anfänge hat die Bewegung 1982 mit einer von Susan G. Komen gegründeten Stiftung, die 1991 durch den Einsatz des Estée-Lauder-Konzerns eine globale Breitenwirkung erlangte.

Was die wenigsten wissen: Die Idee der Schleife stammt aus Kriegszeiten. Einst waren sie gelb und wurden getragen, um an die vermissten Soldaten zu erinnern. Dass sich in der pinken Variante der Begriff der "Survivors" für Brustkrebspatientinnen etablierte, ergab sich aus diesen militärischen Wurzeln. "Wer in den USA heute die Diagnose Brustkrebs bekommt, ist mit dieser Heldenmentalität konfrontiert und soll mit viel Optimismus und Zuversicht in den Kampf gehen", erklärt die Anthropologin Bouskill. Weil sie Erkrankungen in ihrem sozialen Kontext erforscht, fragte sie sich, ob diese Heldenmentalität auch in Pink-Ribbon-Kampagnen außerhalb Amerikas verinnerlicht wird.

Krankheit als "Privatsache"

Mit einem Forschungsstipendium kam sie 2012 an die Med-Uni Wien, um herauszufinden, wie Österreicherinnen mit der Erkrankung umgehen. Mit Unterstützung der ABCSG-Studiengruppe konnte sie viele Gespräche mit Brustkrebspatientinnen führen. Zu ihrem Erstaunen wird die Erkrankung hierzulande von Betroffenen mehrheitlich als "Privatsache" oder "Familienangelegenheit" verstanden.

Was sie aber noch viel mehr verwunderte, war die Tatsache, dass die Hälfte der Frauen den Grund für ihre Erkrankung in emotionalem Stress sehen, Krebs als Folge, "etwas in sich hineingefressen zu haben. Es gibt aber keine verlässliche wissenschaftliche Evidenz, dass Stress und Brustkrebs in irgendeiner kausalen Verbindung zueinander stehen", sagt sie. Der Grund für diese Annahme: "Es gibt das menschliche Bedürfnis, Dinge zu verstehen. Wenn sogar die Wissenschaft keine klare Erklärung für Krebs hat, ist das Feld frei für persönliche Wahrnehmungen."

Onkologe Michael Gnant kann diese Beobachtung bestätigen. In nahezu allen Gesprächen geht es um die Krankheitsursachen: "Krebs ist reiner Zufall, eine biologische Gemeinheit", sagt er dann immer. Es sei etwa so, wie bei Grün über eine Kreuzung zu gehen und von einem Auto angefahren zu werden, "da ist es auch müßig zu überlegen, warum das passiert ist."

Was Aktionen bringen

Deshalb findet Gnant die Idee, seinen Patientinnen das Bild des "Survivor" im Sinne der US-Pink-Ribbon-Kampagne zu vermitteln, eine gute Sache. Vor allem für die Zeit nach der Behandlung. "Die Angst vor einem Rückfall bleibt ein Thema", sagt er. Dass Charity im amerikanischen Sinn schnell auch ein Geschäftsmodell ist, hat die Pink-Ribbon-Kampagne in den USA immer wieder in die Schlagzeilen gebracht, etwa eine Kooperation mit der Fastfoodkette Kentucky Fried Chicken.

Derartige Sorgen sind in Österreich unberechtigt, versichert Martina Löwe, Geschäftsführerin der Österreichischen Krebshilfe, mit der die Pink-Ribbon-Kampagne eng kooperiert. "In Österreich ist Pink Ribbon vor allem ein Vehikel, um Frauen an Früherkennung und Vorsorge zu erinnern", sagt sie. In 13 Jahren habe man rund vier Millionen Euro gesammelt, die über den Sozialfonds der Krebshilfe Patientinnen in finanziellen Notlagen zugutekommen, versichert Löwe. Bouskill kritisiert an der hiesigen Pink-Ribbon-Kampagne, dass Früherkennung und Vorsorge begrifflich nicht klar abgegrenzt sind. 61 Prozent der Österreicherinnen glauben, dass Mammografie sie vor Brustkrebs bewahrt.

Aber was kann das öffentliche Reden Patientinnen noch bringen? "Es ginge darum, eine Plattform zu etablieren, auf der Frauen eigene Bedürfnisse äußern können", sagt Bouskill. In den USA habe man eine interessante Erfahrung gemacht. Brustkrebspatientinnen sprechen untereinander wenig über die Krankheit und ihre Behandlung, weil jede weiß, was die andere durchmacht.

"Wenn das wegfällt, ist es für Frauen plötzlich leicht, ihre Patientenrollen zu verlassen und zu denjenigen zu werden, die sie vor der Diagnose waren, nämlich Mütter, Managerinnen, Sekretärinnen", sagt Bouskill. Sich nicht von der Erkrankung vereinnahmen zu lassen, findet sie wichtig. Wenngleich, einen "richtigen" Umgang mit Brustkrebs gibt es trotzdem nicht. Jede Frau entwickelt eigene Strategien. Hilfreich für alle ist "die Erkenntnis, dass es gute und schlechte Tage gibt und es eine gute Sache ist, sich auch schlechte Tage zu erlauben". (Karin Pollack, 25.10.2015)

  • Verkehrt? Pink Ribbon ist ein Symbol für Solidarität, in Österreich dient die Schleife eher der Erinnerung, eine Mammografie durchführen zu lassen.
Zum Thema:
Interview: "Sich nicht vereinnahmen lassen"
    foto: apa/georg hochmuth

    Verkehrt? Pink Ribbon ist ein Symbol für Solidarität, in Österreich dient die Schleife eher der Erinnerung, eine Mammografie durchführen zu lassen.

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