Mosambik, das erblindete Land

Userartikel27. Oktober 2015, 10:17
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Jeder 100. Mensch in Mosambik ist blind. Hilfsorganisationen tragen dazu bei, dass niemand mehr wegen mangelnder medizinischer Versorgung erblinden muss

Auf blauen Plastiksesseln in zwei langen Reihen sitzen die Augen-Patienten im Zentralspital von Beira, in Mosambik im Südosten Afrikas. Der Warteraum ist heiß, voll und eng. Dennoch ist es unglaublich still, immer wieder fällt die würdevolle gelassene Geduld der Menschen auf. Ein blinder älterer Mann wird aufgerufen, er stützt sich auf seine junge Begleiterin und geht langsam tastend zum Empfangstisch. Plötzlich bewegt sich auch die soeben noch ruhig wartende Menge. Was ist los? Wollen sie sich plötzlich vordrängen? Aber nein. Die Patienten rücken nur einen Sitz auf. Dann ist wieder alles still. Der Vorgang erinnert an ein Kinderspiel und wiederholt sich mit jedem aufgerufenen Patienten.

Das erblindete Land

In der Augenklinik von Beira werden Sehschärfenfehler sowie Krankheiten wie grauer Star, Kinderblindheit durch Vitamin-A-Mangel, grüner Star und Trachom behandelt. Letzteres ist eine infektiöse Erkrankung des Auges, bei der sich die Wimpern nach innen drehen und bei jedem Blinzeln schmerzhaft an der Hornhaut kratzen. Besonders Kleinkinder und damit die sie versorgenden Frauen sind davon betroffen. Beim grauen Star trübt sich die Linse altersbedingt, manchmal durch eine Verletzung. Nur 15 Minuten dauert heute eine Operation, bei der die Linse gegen eine Kunstlinse ausgetauscht wird – in der westlichen Welt eine gängige Operation.

Nicht so in Mosambik. Auf die Befreiung von der Kolonialmacht Portugal 1975 folgten 16 Jahre Bürgerkrieg. Die Blindenrate wird von der WHO in Mosambik auf ein Prozent geschätzt, das sind 250.000 Menschen, etwa 40 Prozent davon leiden an grauem Star.

Lobbying für Augengesundheit

"Seit 2003 sind wir in Beira vertreten und engagieren uns für Augengesundheit und für die Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderungen. Der Standort ist gut, denn von hier aus kann man auch den benachteiligten Norden erreichen", berichtet Klaus Minihuber, Programmleiter von "Licht für die Welt". Damals gab es nur Augenärzte in der Hauptstadt Maputo, im Süden des Landes. "Augengesundheit wurde vernachlässigt, weil Augenerkrankungen nicht so offensichtlich sind wie etwa Cholera."

Dr. Abel Polaze leitet die Augenklinik im Zentralspital von Beira, von wo aus die gesamte Provinz Sofala unterstützt wird. Weitere Provinzen, in denen "Licht für die Welt" Programme betreibt, sind Tete, Cabo Delgado und Niassa. Die Projekte stützen sich auf drei Säulen: Prävention und Behandlung von Augenkrankheiten, Entwicklung der Infrastruktur sowie Ausbildung von Personal. "Sofala ist die erste Provinz in Mosambik, die in jedem Bezirk augenmedizinische Services anbietet", ist Polaze stolz.

Die Augenärzte kommen zu den Patienten

Möglich gemacht hat dies das staatliche Institut für Augenkrankenpfleger, das er leitet. 32 Personen wurden in einem ersten Kurs bereits ausgebildet. Derzeit absolvieren 27 Personen die 18-monatige Ausbildung, um danach auch in den benachbarten Provinzen helfen zu können. "Dadurch entsteht ein Multiplikatoreffekt, und wir kommen immer näher zu den Menschen", beschreibt Polaze die Strategie, um das eklatante Manko von nur einem Augenarzt pro einer Million Menschen etwas abzufangen. Zum Vergleich: In Österreich versorgt ein Augenarzt im Schnitt 11.500 Menschen.

Die Augenkrankenpfleger sind die ersten Diagnostiker: Sie sorgen in den ländlichen Gebieten für Prävention und Aufklärung, können vorab Augeninfektionen oder kleine Verletzungen behandeln. Haben sie genügend Patienten gefunden, fordern sie einen Augenarzt aus Beira für ein bis zwei Wochen an.

Alle Kraft für die Augenklinik

Vom Eingangsbereich, wo die Menschen auf den blauen Sesseln warten, führt Polaze in die Behandlungszimmer. Auf engstem Raum werden Untersuchungen und kleine Eingriffe durchgeführt sowie Sehbehelfe angepasst. Jeder schlängelt sich durch ein Labyrinth aus Schreibtischen, Wartesesseln und Schränken, die Luft steht.

Ein großer Kasten mit überfüllten Laden voll mit Papier ist das Archiv für die Patientenakten. Im schmalen Spalt daneben sitzt ein kleines Mädchen und hält sich das rechte Auge zu. Sie macht einen Sehtest, um abzuprüfen, ob sie in der Schule auch alles gut lesen kann. "Fünf Meticais Gebühr zahlt ein Patient für eine Behandlung, das entspricht circa 10 Cent. Ein Euro sind umgerechnet ungefähr 47 Meticais", erklärt Polaze. "Derzeit werden nur Fertigbrillen verwendet, diese kosten 300 Meticais. Angepasste Brillen gibt es noch nicht, diese würden 2.000 Meticais kosten, das ist die Hälfte eines niedrigen Monatsgehalts eines Arbeiters."

An das Zentralspital angrenzend entsteht derzeit eine eigene Augenklinik, finanziert von "Licht für die Welt". Die Arbeiter auf der Baustelle mauern gerade den ersten Stock. Keine Kräne sind zu sehen, die einzige Maschine ist ein grüner Betonmischer mit chinesischen Schriftzeichen. Unwillkürlich entsteht die Parallele zu den vielen Frauen auf den Feldern Mosambiks: Sie bearbeiten nur mit einer Hacke den harten Boden, Pflüge oder gar Zugtiere haben sie nicht. Vor dem Rohbau gräbt ein Arbeiter eine Künette für die Leitungen. Er steht hüfttief im Schacht und schwingt die Spitzhacke. Es ist Mittag, an die 35 Grad heiß, unter seinem Helm ist es wohl noch heißer.

Hilfe zur Selbsthilfe

Lokale Mitarbeiter von "Licht für die Welt" bauen in Mosambik gemeinsam mit der Regierung und mit lokalen Hilfsorganisationen nachhaltige Strukturen für Augengesundheit auf. Die NGO fungiert als Wegbereiter und liefert Infrastruktur und Know-how, der laufende Betrieb wird von der Regierung finanziert. Der Erfolg lässt sich messen: In den Jahren 2011 bis 2014 wurden 405.741 Augenuntersuchungen ermöglicht und 12.412 Grauer-Star-Operationen durchgeführt.

Der nächste Patient wird aufgerufen, auf den blauen Plastiksesseln rücken die Wartenden weiter. Von draußen kommt ein Mann herein, er stützt sich auf einen kunstvoll geschnitzten Stock und nimmt am Ende der Reihe Platz. Es gibt noch viel zu tun. (Michaela Ortis, 27.10.2015)

Michaela Ortis führt die Werbeagentur Ortis und schreibt ehrenamtlich für Hilfsorganisationen.

Hinweis: Die Reise ist auf Einladung von Licht für die Welt zustande gekommen. DER STANDARD fungierte hierbei lediglich als Medienpartner.

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