Kirchgasser: Lächeln, genießen, überraschen lassen

23. Oktober 2015, 14:49
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Vor ihrer 15. Skisaison hat Michaela Kirchgasser ihr Training komplett umgestellt. Die Salzburger Frohnatur, die ihr Potenzial nicht immer ausschöpfen konnte, will jedes Rennen genießen. Zunächst den Riesentorlauf am Samstag in Sölden

Sölden – "Es könnte eine Saison mit vielen Überraschungen werden", sagt Michaela Kirchgasser aus Filzmoos in Salzburg. Es ist Kirchgassers 15. Saison im Ski-Weltcup. Sie kennt praktisch alle Weltcup-Orte, die Pisten, die Hotels. Von wegen Überraschung. Aber heuer ist alles anders. Kirchgasser wollte es so.

"Die Vorbereitung war interessant", sagt sie. Sie hat ihre Jahresplanung geändert. "Zwischen 27. März und 1. September war ich nicht auf Schnee." Kraft trainiert sie nur noch mit dem eigenen Körpergewicht. Dafür hat sie einen eigenen Konditionstrainer engagiert – "den Strobl Michi aus St. Johann". Kirchgasser bezahlt ihn aus eigener Tasche. Freiwillig, versteht sich. Den Trainingsplan ließ sie sich bewusst nicht im Vorhinein geben. "Ich habe jeden Tag in der Früh meine Sporttasche gepackt, ohne zu wissen, was auf mich zukommt." Überraschung! Kirchgasser wollte ihr Training schon seit längerem umstellen. "Aber erst jetzt habe ich’s gemacht."

Selten grantig

Kirchgasser ist 30 Jahre alt. Kathrin Zettel ist 29. Die Niederösterreicherin hat im Sommer ihre Karriere beendet. Der Körper wollte nicht mehr. Kirchgasser hat sich auch Gedanken über ihr Karriereende gemacht. Sie weiß, wann es sein wird, es bleibt vorerst ihr Geheimnis. Diese Saison soll jedenfalls nicht ihre letzte sein. Kirchgassers Körper ist noch willig. Der Geist auch. "Der Funke ist immer noch da", sagt sie. Sie will jetzt jedes Rennen genießen. Den Spaß am Skifahren hat sie nie verloren. Den Spaß am Leben sowieso nicht. Kirchgasser ist eine Frohnatur. "Beginne deinen Tag immer mit einem Lächeln", ist auf ihrer Website zu lesen. Kirchgasser hält sich daran. "Es geht uns gut. Problemchen", sagt sie, "sind oft mit einem Lächeln zu lösen." Grantig könne sie schon sein, "aber selten".

Ein gutes Gruppenklima ist Kirchgasser wichtig. Mit den meisten ihrer ÖSV-Kolleginnen versteht sie sich gut. Mit Anna Fenninger sehr gut. Kirchgasser stand am Start, als Fenninger am Mittwoch beim Training in Sölden so schwer stürzte, dass die Saison der Gesamtweltcup-Siegerin schon vorbei ist. "Das ist schwer auszublenden", sagt Kirchgasser, die Teamplayerin.

Medaillen und Ausfälle

Aber der Skisport ist ein Einzelsport. "Ich muss lernen, mehr auf mich zu schauen", sagt sie. Immer wieder ließ die Technik-Spezialistin im Laufe ihrer Karriere ihr Talent aufblitzen. 16-jährig debütierte sie am 9. Dezember 2001 im Weltcup, fuhr als 17. im Slalom von Sestriere direkt in die Punkteränge. 2003 wurde sie Juniorenweltmeisterin. Bis dato brachte es die Salzburgerin im Weltcup auf 14 Podestplätze, davon drei Siege (zwei Slaloms, ein Riesentorlauf). Bei Weltmeisterschaften gewann sie einmal Slalom-Silber (Schladming 2013), einmal Kombi-Bronze (Vail 2015), dazu dreimal Gold und einmal Silber mit dem Team. "Ich weiß, dass ich es kann", sagt sie. Aber: "Es wäre bestimmt mehr möglich gewesen."

Allzu oft fuhr Kirchgasser nur in einem von zwei Durchgängen stark, allzu oft schied sie aus. "Natürlich wäre ich gerne eine Seriensiegerin." Aber Kirchgasser grämt sich nicht. Sie sei ihren Weg gegangen. "Ich kann mich in den Spiegel schauen."

Auch im 15. Jahr geht ihr die Reiserei im Skisport noch nicht auf die Nerven. Es gibt Orte, in die sie immer wieder gerne kommt. Sölden gehört dazu. Der Riesentorlauf am Rettenbachferner dient auch heuer wieder als Saisonauftakt. Freilich, sehr erfolgreich war die Salzburgerin im Ötztal noch nicht. "Ich habe Sölden immer gemocht, aber Sölden hat mich nicht gemocht", sagt Kirchgasser. In sechs von neun Versuchen schied sie am Rettenbachferner aus. Ihr bestes Ergebnis war ein elfter Platz 2008. Am Samstag würde sie gerne besser sein. Aber Kirchgasser weiß auch nicht genau, wo sie steht. Also? "Ich lasse mich überraschen." (Birgit Riezinger, 23.10.2015)

  • Michaela Kirchgasser startet in ihre 15. Weltcupsaison. Es soll nicht ihre letzte sein. Das Skifahren macht ihr immer noch Spaß.
    foto: epa/groder

    Michaela Kirchgasser startet in ihre 15. Weltcupsaison. Es soll nicht ihre letzte sein. Das Skifahren macht ihr immer noch Spaß.

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