Prozess wegen Schmuckdiebstahls: Postler mit langen Fingern

26. Oktober 2015, 08:00
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Kiloweise Schmuck soll ein Postangestellter über die Jahre aus Sendungen gefischt haben. Warum, kann er nicht sagen, er hortete die Beute

Wien – Acht Jahre lang war Halil G. ein unauffälliger Angestellter der österreichischen Post. Bis er im Jahr 2011 einen Zeitungsartikel las. Eine Lektüre, die ihn mit einer Anklage wegen schweren gewerbsmäßigen Diebstahls nun vor Richter Johannes Varga gebracht hat. Denn der Medienkonsum hatte in dem 38-jährigen unbescholtenen Familienvater den Wunsch geweckt, Schmuck aus Wertsendungen zu stehlen.

"Der Reiz war da. Es war irgendwie verlockend zu schauen, was drinnen ist. Aber ich kann es mir eigentlich nicht erklären", erzählt der niedergeschlagene Angeklagte mit leiser Stimme.

Der Fall ist tatsächlich ungewöhnlich. Denn einerseits ging G. durchaus zielgerichtet vor: "Ich habe schon geschaut, ob etwas von einem Juwelier oben gestanden ist", sagt er auf Nachfrage seiner Verteidigerin.

4,5 Kilogramm Beute

Doch andererseits: "Ich habe nicht gewusst, was ich damit machen soll." Also hortete er insgesamt 4,5 Kilogramm Ketten, Anhänger und Ringe, die er in der ehelichen Wohnung in seinem Kasten versteckte.

Bei der Polizei hatte er nur vage von einer Vorsorge "für schlechte Zeiten" gesprochen, es gibt allerdings keinen Hinweis, dass die Beute je zu Geld gemacht wurde. Seine Gattin legt als Zeugin glaubwürdig dar, nichts von der Sache gewusst zu haben. Und ist bereit, Belege dafür zu bringen, dass alle größeren Investitionen im Haushalt nur per Ratenzahlung getätigt wurden.

Kann sie sich erklären, warum ihr Mann zum Dieb wurde? "Wir hatten in den letzten Jahren einige Streitigkeiten, vielleicht ist er deshalb auf die blöde Idee gekommen. Ich weiß es nicht", kann auch sie keine wirkliche Antwort bieten.

Weniger als 9.000 Euro

Wirklich trist war die finanzielle Lage aber nicht, die einzigen außertourlichen Ausgaben des Angeklagten waren die Einsätze für Fußballwetten – 80 bis 100 Euro im Monat. Der Wert des Diebsguts, das er freiwillig übergab, ist allerdings auch nicht übermäßig hoch und liegt bei weniger als 9.000 Euro.

Die Causa wirft aber auch ein schlechtes Licht auf die Sicherheitsvorkehrungen der Post. Denn G. war von Oktober 2011 bis März 2014 aktiv. Und das nicht einmal unauffällig. Auf Überwachungsvideos ist zu sehen, dass er auch aus Kisten von Kollegen Sendungen nimmt – obwohl andere Personen anwesend sind. "Wenn ich nicht so viel zu tun gehabt habe, sind mir so dumme Sachen eingefallen", entschuldigt er sich.

Geständig war er von Anfang an, nach der Entlassung suchte er sich neue Jobs, machte nebenbei die Taxilenkerprüfung. "Ich schäme mich so. Ich kann meiner Familie nicht mehr in die Augen schauen", murmelt er.

Kein psychiatrisches Gutachten

Da ein Bereicherungsvorsatz nicht völlig von der Hand zu weisen ist, hat die Verteidigerin auf ein psychiatrisches Gutachten – das ihrem Mandanten Straffreiheit hätte bringen können – verzichtet.

Bei einem Strafrahmen von sechs Monaten bis zu fünf Jahren verurteilt ihn Varga schließlich rechtskräftig zu einem Jahr bedingter Haft. H. bedankt sich bei allen Prozessbeteiligten und schüttelt ihre Hände, bevor er den Saal verlässt. (Michael Möseneder, 26.10.2015)

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