Von der Politik wiederentdeckt: Der Fußgänger

Kopf des Tages23. Oktober 2015, 11:49
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Immer mehr Wissenschafter entdecken das Zu-Fuß-Gehen als Forschungsthema, wie auf der Konferenz Walk21 in Wien sichtbar wurde

Wien – Der gemeine Fußgänger hat die Ära seiner größten Verbreitung in unseren Breiten weit hinter sich. Mehr als ein halbes Jahrhundert ist es her, dass zwei Drittel der Wege exklusiv per pedes zurückgelegt wurden. Heute wird im Schnitt nur mehr jeder fünfte Weg ausschließlich auf diese Weise absolviert. Weit öfter dient das Marschieren noch dazu, zum eigentlichen Transportmittel – Pkw, Öffi, Fahrrad – zu gelangen. Wobei Frauen öfter als Männer gehend anzutreffen sind sowie Kinder und ältere Personen häufiger als 18- bis 45-Jährige.

600 Experten in Wien

Der Umstand, dass der motorisierte Individualverkehr das Zu-Fuß-Gehen in der Gesellschaft nach und nach in den Hintergrund gedrängt hat, wurde lange schulterzuckend hingenommen. Doch sowohl die Kommunal- als auch die Bundespolitik haben den Fußgänger, der im Mittelpunkt der bis Freitag laufenden Konferenz Walk21 steht, wieder für sich entdeckt. Die Wissenschaft denkt da freilich voraus: 600 Experten diskutieren im Wiener Rathaus Fragen rund um das Zu-Fuß-Gehen: etwa über die Beschaffenheit von Schulwegen in Indien, die Frage, wie man effektiv Daten über Fußgänger sammeln kann und wie neue Arten der Bürgerbeteiligung bei der Stadtplanung in São Paulo aussehen.

Fußgängerbeauftragte

Petra Jens gehört zu den wenigen Menschen, die von Berufs wegen passionierte Fußgänger sein sollten. Ihr Amt als Wiener Fußgängerbeauftragte existiert seit 2012 – und ist trotz Wien-Wahl bis 2020 gesichert: Die Mobilitätsagentur erhielt im März 13 Millionen Euro für die nächsten Jahre. Wien zählt im Städtevergleich – national und international – bereits relativ viele Fußgänger, die am Gehen neben schöner Umgebung auch das Unkomplizierte schätzen.

Masterplan Gehen

Die Zu-Fuß-Geher interessieren nun auch den Bund. In einem ersten Schritt haben Verkehrs- und Umweltministerium für Österreich einen eigenen Masterplan erstellt. Das diese Woche präsentierte Papier zielt darauf ab, auf allen Ebenen, von der Gemeinde bis zum Bund, gehfördernde Maßnahmen zu entwickeln und umzusetzen.

Der Bericht liefert die Gründe mit: Gehen halte gesund, sei umweltfreundlich, billig und "sozial inkludierend" – da für alle sozialen Schichten und jedes Alter leist- und durchführbar. Gehen sei auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Demnach laden fußgängerfreundliche Strukturen besonders zum Einkaufen ein. Hier beißt sich die Katze aber in den Schwanz. Denn dann kann der Fußweg schnell ins Geld gehen. (Gudrun Springer, 23.10.2015)

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