"Wassa Schelesnowa": Noch ein Wässerchen für die Mördermama

23. Oktober 2015, 11:15
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Andreas Kriegenburgs Burgtheater-Inszenierung des Gorki-Dramas hat einen gar nicht heimlichen Star: die Bühne

Wien – Die Hauptperson in Maxim Gorkis "Wassa Schelesnowa" im Wiener Burgtheater ist leider nicht die Titelfigur. Die besäße alle notwendigen Voraussetzungen. Wassa (Christiane von Poelnitz) verteidigt mit Zähnen und Klauen den familieneigenen Betrieb, eine Ziegelei. Der liederliche Gemahl liegt im Sterben, die beiden Söhne verdienen als Schwächlinge Mamas vollständige Verachtung. Den Schwager muss sie im Interesse des Betriebes vernichten.

Gorki, Sänger der sozialen Revolution in Russland, sieht einer Sippe beim Verlöschen zu. Die männlichen Vorrechte bestehen nur noch auf dem Papier. Gorkis ganze Anteilnahme gilt daher den Frauen. In der Burg, wo man die erste Fassung des Dramas gibt (1910), tragen sie vanilleweiße Kleider aus der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende. Die Damen verstehen sich vortrefflich auf das Zusammenfalten gebrauchter Leintücher. Der Genuss von Schnaps gehört zu ihren weniger schönen Angewohnheiten. Gegen die Herren der Schöpfung schmieden sie Komplotte. Diese Frauen sind derart abgefeimt, dass ihnen ihr eigenes Handeln bis zum Ende rätselhaft vorkommt.

Rutschpartie auf dem Hosenboden

Doch darum geht es nur am Rande. Der wahre Held dieser Inszenierung ist die Bühne (Harald B. Thor). Zur Welle erstarrt, hängt ein mächtiges, hölzernes Floß an vier Seilen aus dem Schnürboden herab. Der Boden ist uneben. Um ein Geringes nach vorne gekippt, zwingt er Gorkis Hysteriker dazu, auf dem Hosenboden nach unten zu rutschen. Die Damen Schelesnowa, die ihre Schönheit an Lumpen und Schwächlinge vergeuden, drehen an den Seilen der Aufhängung wunderschöne Pirouetten.

Man hat sich bald sattgesehen an diesem Wunderwerk der Ausstattungskunst. Unter dem Flickwerk aus Dachlatten steht das Bett des sterbenden Patriarchen. An zwei Pianinos werden elegische Klänge angestimmt, und während die stille Haushaltskraft Dunjetschka (Sabine Haupt) am Samowar hantiert, wähnt man sich auf einem stillen Flecken des Planeten Tschechow.

Mustergültiges Bemühen

Abgesehen von diesen Schauwerten ist Regisseur Andreas Kriegenburg die Inszenierung unter den Fingern zerflossen. Man registriert das mustergültige Bemühen der Schauspieler, "interessant" zu wirken. Weil die Situation für die Figuren unhaltbar ist, geraten sie nacheinander ins Trudeln und Stocken. Der jüngere Sohn Pawel (Tino Hillebrand) vermeint, wegen seines Klumpfußes minderwertig zu sein. Er heult Rotz und Wasser, weil seine junge Gemahlin (Aenne Schwarz) lieber auf dem Onkel des Hauses (Peter Knaack) wie auf einem Pferdchen reitet, anstatt im Ehebett unterzukriechen.

Lauter Karikaturen hat Kriegenburg versammelt, Studienfälle aus dem Benimmbuch für russische Hysteriker. Pawels älterer Bruder Semjon (Neuzugang Martin Vischer) ist ein törichter Schwatzkopf, seine bigotte Frau (blass: Frida-Lovisa Hamann) geht allen auf die Nerven. Von Poelnitz hat als Wassa alle Hände voll zu tun.

Erotische Wärmepackungen holt sich die intrigante Mutter ausgerechnet beim Gutsverwalter (Dietmar König) ab. Ansonsten wird mithilfe des einfältigen Stubenmädchens (Alina Fritsch) eine brutale Verschwörung angezettelt. Dran glauben müssen die Kerle: Der Onkel wird vergiftet, die Buben schauen als Erbberechtigte durch die Finger.

Hin zur totalen Macht

Auf dem langen, steinigen Weg hin zur totalen Macht über die Familie verdrückt die Schelesnowa zahlreiche Grammrationen guten Wodkas. Nach jedem Schnäpschen überläuft die arme Frau ein grimmiger Schauer. Insgesamt verharrt von Poelnitz bloß in der sicheren Mitte ihrer imponierenden Darstellungskunst. Etwas Frostiges geht von ihr aus, Gegenspielerinnen wie Ljudmila (Schwarz) gleichen beiderlei Mängel, die echten wie die gespielten, mit mimischem Totaleinsatz aus.

So hat Kriegenburg mitten in Russland ein kleines schauspielerisches Babylon errichtet. Die Stile bleiben ungeklärt, die Beziehungen flüchtig erzählt, die szenischen Mittel unverbunden. Daran ändert auch das Hereinschneien der rätselhaften Tochter Anna (Andrea Wenzl) nichts, die erst zögert, dann erschauert und sich schließlich in die mütterlichen Vernichtungspläne einspannen lässt.

Die Frauen bleiben übrig, die Männer hat es von der kahlen Fläche mit dem angenagelten Mobiliar heruntergefegt. Unglück hat immer nur der Untüchtige! "Wassa Schelesnowa" ist beileibe kein Ärgernis. Von Kriegenburg möchte man aber schon mehr als biederes Stadttheater sehen. Das Publikum empfand ähnlich, indem es Respekt zollte, ohne in Begeisterung zu verfallen. (Ronald Pohl, 23.10.2015)

  • Ein Prösterchen in der Wiener Burg: Wassa Schelesnowa (Christiane von Poelnitz) ist ihrem Gutsverwalter (Dietmar König) sichtlich sehr gewogen.
    foto: georg soulek

    Ein Prösterchen in der Wiener Burg: Wassa Schelesnowa (Christiane von Poelnitz) ist ihrem Gutsverwalter (Dietmar König) sichtlich sehr gewogen.

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