München: Alles, was Schienen hat, fliegt

24. Oktober 2015, 09:00
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Der Münchner Hauptbahnhof soll ober- und unterirdisch komplett neu organisiert werden. Geplant ist ein Bürocluster mit "Flieger ", Hochhaus und 56.000 Quadratmetern Nutzfläche

Das fliegt. Während die unteren Geschoße mit Glas, ja sogar mit gekrümmten Glasscheiben verkleidet sind, pfeift im fünften und sechsten Stock der sogenannte "Flieger" über den Bahnhofsvorplatz, wie Martin Klemp, Assoziierter und Projektleiter bei Auer Weber Architekten, den Brückenbauteil bezeichnet. Mit dem Neubau des Münchner Hauptbahnhofs möchte man die in die Jahre gekommene Bahnhofsimmobilie endlich aus der Stadt verbannen und – wie DB-Manager André Zeug versichert – durch "einen der attraktivsten Bahnhöfe Europas" ersetzen. Auf der kürzlich zu Ende gegangenen Expo Real konnte man sich ein Bild davon machen. Bis 4. Dezember sind die Pläne und Modelle nun auch in der Bahnhofshalle zu sehen.

Noch allerdings ist die Baustelle Zukunftsmusik. Denn bevor die Abbruch- und Neubauarbeiten in Angriff genommen werden können, ist erst einmal die Neuorganisation des gesamten Untergrundes dran. Konkret geht es um die Errichtung der zweiten S-Bahn-Stammstrecke, die das bestehende S-Bahn-Streckensystem unter der Münchner Innenstadt vor einem Kollaps bewahren und mittels Expressgleisen entlasten soll. Erst wenn diese Arbeiten in 40 Meter Tiefe im Jahr 2020 abgeschlossen sind, werden sich die Bagger von da an fünf Jahre lang bei laufendem Betrieb auch um das Oberirdische kümmern.

"Es ist ein sehr komplexes Projekt, das infrastrukturell von vielen anderen Teilprojekten abhängig ist", sagt Klemp, der bereits 2003 aus einem mehrstufigen internationalen Bewerbungsverfahren unter insgesamt zwölf Büros als Sieger hervorging. "Im Grunde genommen haben wir nur ein kleines Zeitfenster, in dem wir den Bau realisieren können." Bis auf die denkmalgeschützte Gleishalle und ein ebenfalls geschütztes Plattenrelief von Rupprecht Geiger, das an der Fassade angebracht ist, wird der gesamte Bahnhof abgerissen. Auch die beiden pseudoneoklassizistischen Bauten aus dem Jahr 1950 werden daran glauben müssen.

Kein Einkaufszentrum

"In den letzten Jahrzehnten wurde der Bahnhof immer und immer wieder verändert und erweitert", erklärt Iris Ludwig, Immobilienökonomin und Projektleiterin bei der DB im Gespräch mit dem Standard. "Das Flickwerk entspricht längst nicht mehr den Anforderungen an eine moderne Mobilitätsdrehscheibe. Nun geht es darum, hier eine stilistisch zusammenhängende, kohärente bauliche Lösung zu finden."

Neben dem Neubau der Empfangshalle mitsamt Reisezentrum, Lounges und Gastronomie sind im Erdgeschoß und ersten Obergeschoß auch Handelsflächen geplant. Den Fehler, den Bahnhof in ein Einkaufszentrum zu verwandeln, wie das die ECE mit den Bahnhöfen in Leipzig und Wien gemacht hat, wolle man allerdings nicht wiederholen, erklärt DB-Projektleiter Thomas Ramrath. "Ein Bahnhof ist ein Bahnhof und kein Shoppingcenter." Da können sich die Österreichischen Bundesbahnen etwas abschauen.

Sehr wohl aber wird es am neuen Hauptbahnhof 56.000 Quadratmeter Bürofläche geben – und zwar nicht nur in den umliegenden Bauteilen rund um die Bahnhofshalle, sondern auch in einem 20-geschoßigen Büroturm an der Nordseite des Bahnhofs. Einen Teil des Büroangebots wird die DB selbst nutzen, den Großteil jedoch wird sie fremdvermieten. Mit den Erlösen soll der Neubau rückfinanziert werden. Das bestehende Intercity-Hotel soll aufgelassen werden. Eine Hotelnutzung ist im neuen Bahnhof nach heutigem Stand nicht vorgesehen.

Erste Mietinteressenten

Auf der Expo Real Anfang Oktober sei man bereits mit einigen Mietinteressenten ins Gespräch gekommen, so Ludwig, und auch auf der kommenden Mipim in Cannes wolle man den Münchner Hauptbahnhof entsprechend bewerben. Genaue Mietpreise wolle man aber vorerst noch nicht verraten. Nur so viel: "Es wird sich um handelsübliche Mieten zum Zeitpunkt der Fertigstellung handeln", versichert DB-Sprecher Bernd Honerkamp auf Anfrage. Derzeit liegt die Münchner Durchschnittsmiete (!) bei knapp 15 Euro pro Quadratmeter. Obwohl die Weißwurstmetropole mit mehr als 20 Millionen Quadratmetern Bürofläche bundesweit auf Platz eins liegt, scheint die Nachfrage nach Büroimmobilien ungebrochen.

Das gesamte Baubudget für dieses Projekt beläuft sich "auf ei- nen hohen dreistelligen Millionenbetrag". Mehr will die DB zum jetzigen Zeitpunkt nicht verraten. Geplante Fertigstellung: 2025. Wenn alles fertig ist, wird das Projekt insgesamt 22 Jahre Planungs- und Bauzeit verschlungen haben. (Wojciech Czaja, 24.10.2015)

  • Unten Glasgeschoße, im fünften und sechsten Stock ein "Flieger": So soll der Neubau des Münchner Hauptbahnhofs aussehen.
    visualisierung: auer weber architekten

    Unten Glasgeschoße, im fünften und sechsten Stock ein "Flieger": So soll der Neubau des Münchner Hauptbahnhofs aussehen.

  • Auch Handelsflächen sind eingeplant – ein Einkaufszentrum soll der neue Münchner Bahnhof aber nicht werden.
    visualisierung: auer weber architekten

    Auch Handelsflächen sind eingeplant – ein Einkaufszentrum soll der neue Münchner Bahnhof aber nicht werden.

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