Wohnen ist ein Mix aus Rückzug und bosnischem Fest

27. Oktober 2015, 05:30
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Die Architektin Nerma Linsberger wohnt und arbeitet im Reumannhof in Wien. Dass alles weiß ist, ist stundenlanger Wachserei und Pinselei in Eigenregie zu verdanken

Die Architektin Nerma Linsberger wohnt und arbeitet im Reumannhof in Wien. Dass alles weiß ist, auch der Boden, ist stundenlanger Wachserei und Pinselei in Eigenregie zu verdanken, erfuhr Wojciech Czaja.

"Weiß ist für mich ein Symbol für Weite, Ruhe, Offenheit. Die Wohnung ist zwar an sich schon groß, sie hat 130 m², aber mit dem vielen Weiß wirkt sie noch viel, viel größer. Ich brauche diese Ruhe um mich herum, schließlich nutze ich die Wohnung nicht nur zum Wohnen, sondern auch als Atelier. Wenn man so viele Stunden an einem Ort verbringt, dann muss man sich auch einmal entspannen und ins Nichts schauen dürfen.

foto: lisi specht
"Mein liebstes Eck ist das runde Fenster in der Küche. Manchmal stehe ich einfach nur da und schaue raus auf die Stadt." Nerma Linsberger in ihrem weißen Reich.

Die Wohnung befindet sich im Dachgeschoß des Reumannhofs. Das ist eine riesige Gemeindebauanlage mit rund 450 Wohnungen, einigen Lokalen und Waschküchen. Das Gebäude stammt aus dem Jahr 1926 und wurde von Hubert Gessner errichtet, einem der bekanntesten Architekten des Roten Wien. Ich finde, der Innenhof, die Arkaden, die pavillonartigen Einbauten zum Gürtel hin verleihen dem Haus fast etwas Schlosshaftes. Ich finde es fantastisch, welchen Aufwand man damals betrieben hat, um Menschen ein attraktives Wohnumfeld zu bieten.

Vor 20 Jahren wurde der Reumannhof thermisch saniert und bekam neue Fenster und einen Vollwärmeschutz verpasst. Damals bin ich eingezogen. Soviel ich weiß, war hier früher schon ein Atelier untergebracht. Das sieht man noch ganz gut anhand des langen Fensterbandes an der Fassade. Licht hat hier immer eine große Rolle gespielt. Mit der Glaswand zwischen Wohn- und Schlafzimmer und diesen weichen, fast mediterranen Vorhängen wollte ich diese Helligkeit erhalten und den Raum optisch als Einheit belassen.

Mein großer Wunsch war, eines Tages einen hellgrauen, fast weißen Holzboden zu haben. Keine Ahnung, warum. Musste sein! Die Firma, die damit eigentlich beauftragt war, hat beim Beizen dann w. o. gegeben und gesagt: 'Frau Linsberger, so wie Sie das wollen, geht das nicht!' Also hab ich mich dann selbst hingekniet und losgelegt. Ich habe den Boden mit weißem Wachs gestrichen, Holzstück für Holzstück, immer schön in Faserrichtung gepinselt, und das Schwierigste war, dass man nie aufhören durfte, weil man sonst die Übergänge gesehen hätte. Frau Linsberger hat bewiesen, dass es doch geht. Aber meine Knie und mein Kreuz: anderes Kapitel!

Auch sonst ist eigentlich alles weiß. Das war nicht immer so, denn ab und zu habe ich auch bunte Anwandlungen, aber jetzt gerade genieße ich die Reduktion. Freunde fragen mich manchmal: 'Nerma, woher nimmst du die Disziplin? Warum ist das alles nach so vielen Jahren immer noch weiß, ohne dass längst schon irgendwelche Sachen herumliegen?' Ich weiß nicht, ob das mit Disziplin zu tun hat. Ich brauche einfach diese Zurückhaltung.

Ich finde, Wohnen ist etwas sehr Wichtiges. Manche Menschen finden leicht einen Zugang dazu, andere nicht. Als Architektin ist man – das ist zumindest meine Überzeugung – dazu verpflichtet, alles Mögliche zu tun, um den Bewohnern diesen Zugang zum Wohnen zu erleichtern. Vor allem im sozialen Wohnbau, bei geförderten Wohnungen, wo ich ja am meisten tätig bin. Ich finde, es ist meine Verantwortung, den Menschen ein Angebot zu geben, was alles möglich ist, wie und in welche Richtung man sich in der Wohnung entfalten kann. Nicht der Mensch soll der Wohnung dienen, sondern die Wohnung dem Menschen. Leider ist das nicht immer der Fall. Viele Wohnungen am Markt fördern das Zumachen, nicht das Öffnen.

Für mich selbst ist Wohnen eine Mischung aus Rückzug und Zusammensein mit Freunden und Familie. Ich liebe es, Abendessen zu veranstalten oder Partys für meine beiden Kinder zu schmeißen. Meine Tochter hat mich vor kurzem gefragt: 'Du, Mama, wann schmeißt du wieder eines deiner lauten, bosnischen Feste?' Mein liebstes Eck in der ganzen Wohnung ist das Fenster hier in der Küche. Diese runde Form hat einfach etwas Faszinierendes. Manchmal stehe ich einfach nur da, beim Kaffeemachen oder Kochen, schaue raus und denke mir: Was für eine schöne Wohnung!" (27.10.2015)

Nerma Linsberger, geboren 1967 in Sarajevo, studierte an der Architekturfakultät Sarajevo sowie an der Akademie der bildenden Künste in Wien, wo sie seit 1992 lebt. 15 Jahre lang arbeitete sie in verschiedenen Architekturbüros in Wien. Seit 2008 betreibt sie ihr eigenes Architekturbüro. Ihr Spezialgebiet ist geförderter Wohnbau. Kürzlich wurde sie zu den Best Architects 2015 gekürt.

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Nerma Linsberger

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