OMV-Chef: "Die OMV ist kein Notfallpatient"

Interview23. Oktober 2015, 05:30
27 Postings

Rainer Seele will Österreichs größten Industriekonzern rasch profitabler machen und sucht billigere Produktionsmöglichkeiten

STANDARD: Sie stehen seit Juli an der Spitze von Österreichs größtem Industrieunternehmen. Ist das mehr Belastung oder eine Managementaufgabe wie jede andere?

Seele: Das ist eine reizvolle Herausforderung. Die Rahmenbedingungen sind schwierig, wir müssen die Ausrichtung der OMV an die neuen Rahmenbedingungen anpassen.

STANDARD: Sind die Rahmenbedingungen nicht immer schwierig?

Seele: Es macht einen Unterschied, ob der Ölpreis bei 110 Dollar (97 Euro) liegt oder wie jetzt bei knapp 50. Deshalb müssen wir verstärkt auf die Kosten schauen.

STANDARD: Stehen Sie noch mit einem Bein in Kassel oder schon mit zwei Beinen in Wien?

Seele: Ich bin mit Leib und Seele Wahlwiener, genieße diese Stadt.

STANDARD: Manche sagen, sie seien eher selten in Wien anzutreffen, mehr unterwegs?

Seele: Nicht nur ich, alle Vorstände der OMV sind das. Die meisten Geschäfte werden nicht in Wien gemacht. Das ist der Grund, warum ich in letzter Zeit viel im Mittleren Osten unterwegs bin, dort müssen wir unsere Beziehungen wieder intensivieren. So was kann man nicht am Telefon aufbauen, da muss man persönlich hin.

STANDARD: Sie haben in Kassel offenbar vieles richtig gemacht. Wintershall war, als es der OMV schon schlecht ging, noch hochprofitabel. Lässt sich das wiederholen?

Seele: Wir werden aus der OMV keine Wintershall machen, sondern eine neue Strategie entwickeln, die wir Anfang nächsten Jahres präsentieren werden. Wir sind schon weit vorangekommen. Eines der Ziele ist, die Profitabilität der OMV zu heben.

STANDARD: Wie soll das gehen?

Seele: Indem wir einerseits die Kosten senken und andererseits das Portfolio an die geänderten Marktbedingungen anpassen. Wir schauen uns verstärkt danach um, wo wir kostengünstig Produktionen aufbauen können. Das ist auch der Grund, warum ich zuletzt öfter im Iran war.

STANDARD: Dabei ist es gar nicht lange her, dass die OMV das Programm "Fit for Fifty" gestartet hat. Auch bei Ölpreisen um die 50 Dollar wollte man profitabel sein.

Seele: Schauen sie unsere Zahlen an, die OMV ist profitabel. Wir reden hier nicht von einem Notfallpatienten – im Gegenteil. Wir sind nur nicht in allen Segmenten so profitabel, wie wir das sein möchten. Im Öl- und Gasfördergeschäft trifft uns das niedrige Preisniveau voll. Da müssen wir gegensteuern.

STANDARD: Mit dem Ziel ...

Seele: ... die Finanzsituation der OMV zu verbessern. Wir wollen den Verschuldungsgrad senken und das Unternehmen so aufstellen, dass wir mit dem freien Cash-flow die Dividende gänzlich abdecken können. Das war im vergangenen Jahr nicht möglich.

STANDARD: Das hätte die OMV schon früher angehen können, die Aktionäre hätte es gefreut.

Seele: Der Cashflow ist jetzt der Schlüsselindikator, dem wir alles unterordnen.

STANDARD: Wie ist Ihr Verhältnis zu Ipic in Abu Dhabi, einem ihrer Kernaktionäre?

Seele: Ausgesprochen gut.

STANDARD: Missverständnisse wegen der gemeinsamen Tochter Borealis sind ausgeräumt? Ipic bestand ja eine Zeitlang auf dem OMV-Anteil?

Seele: Es gibt keine Missverständnisse mehr, die man aufarbeiten müsste. Wir haben kürzlich die Lieferungen aus unserer Raffinerie in Schwechat an die in der Nachbarschaft befindliche Borealis um weitere elf Jahre verlängert.

STANDARD: Was mussten Sie im Gegenzug Ipic zugestehen?

Seele: Wir haben wettbewerbsfähige Konditionen angeboten, aus.

STANDARD: Ihnen wird ein ausgesprochen guter Draht nach Moskau nachgesagt. Wie soll, wie kann sich das materialisieren?

Seele: Das hat weniger mit meiner Person zu tun. Die OMV arbeitet seit Jahrzehnten gut mit Gazprom zusammen. Wenn man die Kooperation ausbauen möchte, was unser Ziel ist, ist es natürlich hilfreich, wenn man sich gut versteht.

STANDARD: Sie sprechen den geplanten Einstieg in Sibirien an?

Seele: Einerseits geht es um die Absicherung der Gaslieferungen nach Österreich, andererseits um die Produktion. Es gibt zwei Regionen auf der Welt, die über kostengünstige Lagerstätten verfügen, der Mittlere Osten und Russland. In beide Regionen bewegen wir uns hinein, deshalb fliege ich so oft nach Abu Dhabi, in den Iran, aber auch nach Russland.

STANDARD: Ist schon klar, zu welchen Konditionen Sie das Gas an die russischen Stellen verkaufen können, wenn Sie sich zu dem Deal entschließen?

Seele: Das wird Gegenstand der Verhandlungen sein. Unsere Geologen jedenfalls haben gemeldet, dass es eine hochattraktive Lagerstätte mit hohen Volumina ist. Wir reden über eine Größenordnung von 300 Milliarden Kubikmetern, die sich in der für uns relevanten Sektion der Lagerstätte befinden. Das entspricht rund zwei Dritteln des gesamten Jahresbedarfs von Europa.

STANDARD: Man hört von zwei Milliarden Euro Investitionsbedarf?

Seele: Das ist fernab von dem, was wir in den Unterlagen gesehen haben. All das, was wir bisher mit unseren russischen Partnern besprochen haben, sieht für uns wirtschaftlich ausgesprochen attraktiv aus. Wir haben im Vergleich zur Förderung in Norwegen weniger als ein Zehntel der Kosten, und der schwache Rubel hilft uns auch.

STANDARD: Die OMV hat sich unter Ihrem Vorgänger Roiss teuer in norwegischen Gewässern eingekauft. Was heißt das jetzt bei fast halbierten Ölpreisen?

Seele: Wir machen dort einen guten Cashflow, das Ergebnis ist allerdings nicht berauschend. Das heißt, die laufenden Projekte werden wir fortsetzen, der Schwerpunkt bei neuen Projekten wird aber nicht unbedingt in der Hochkostenregion Nordsee liegen. (Günther Strobl, 23.10.2015)

Rainer Seele (55) ist seit 1. Juli Generaldirektor der OMV. Der gebürtige Deutsche, verheiratet, drei Kinder, stand zuvor sechs Jahre an der Spitze von Deutschlands größtem Öl- und Gasunternehmen Wintershall, einer Tochter des Chemieriesen BASF.

  • OMV-Chef Rainer Seele gibt Gas. Weil der tiefe Ölpreis dem Konzern zu schaffen macht, will der Deutsche künftig vor allem in Russland und im Mittleren Osten günstig nach Öl und Gas bohren lassen.
    foto: regine hendrich

    OMV-Chef Rainer Seele gibt Gas. Weil der tiefe Ölpreis dem Konzern zu schaffen macht, will der Deutsche künftig vor allem in Russland und im Mittleren Osten günstig nach Öl und Gas bohren lassen.

Share if you care.