"Nein, ich verprügle meine Mitarbeiter nicht"

Interview23. Oktober 2015, 08:00
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Von den Extravaganzen eines Jeremy Clarkson bei "Top Gear" ist Christian Clerici mit "Autorevue TV" weit weg – ab Freitag auf ATV

STANDARD: Jeremy Clarkson verlangte bei der BBC-Show "Top Gear" 20 Flaschen Wein und einen bestimmten Gin für seine Produktionen. Welche Extravaganzen verlangen Sie?

Clerici: Ich brauche überhaupt keine Extravaganzen und habe noch nie verstanden, was Menschen, die im Rampenlicht stehen, von anderen unterscheidet. Ich finde solche Attitüden einfach affig. Ein Mitgrund, warum das Showgeschäft in seinem Glanz und Glamour maßlos überbewertet wird, ist, dass es so viele exzentrische Protagonisten gibt, die wahrgenommen werden möchten. Also nein, ich verprügle meine Mitarbeiter nicht, ich besaufe mich nicht vor der Sendung, ich verarsche nicht mutwillig Autos, weil sie mir optisch nicht gefallen, aber ich sehe mir total gerne "Top Gear" an.

STANDARD: Sie leiten die Sendung mit den Worten "Wir sind nicht 'Top Gear' mit einem Budget von 250 Millionen Dollar" ein. Wie hoch ist Ihres?

Clerici: Das Budget ist weitaus geringer und wir haben uns diesen Gag erlaubt, weil wir uns einerseits ein bisschen davor bewahren wollen, dass die eingefleischten "Top Gear"-Fans die Sendung sehen und feststellen, das ist nicht "Top Gear", und gleichzeitig möchte ich bei allen anderen keine Erwartungen wecken, die wir nicht erfüllen können. Wir haben ein schönes, originär österreichisches Format gemacht. In dieser Sendung steckt sehr viel Herzblut und auch sehr viel Aufwand, aber wir sind halt einfach nicht "Top Gear".

STANDARD: Geht Ihnen der Vergleich auf die Nerven?

Clerici: "Motorama" mit Jochen Rindt (ORF-Motorsportmagazin ab 1970, Anmerkung) war das letzte Magazin in Österreich, das Auto sinn- und humorvoll behandelt hat. So lange schon gibt es kein Autoformat, das sich nicht nur als Dienstleistungsprogramm der Industrie versteht. Wir möchten feinen Humor aufs Fernsehen übertragen. "Top Gear" ist das erfolgreichste Fernsehformat der Welt, warum sollte man sich mit so etwas messen wollen?

STANDARD: Automagazine generell und "Top Gear" speziell sind stark testosterongetrieben. Frauenfeindliche Witze sind in Automagazinen keine Seltenheit. Wollen Sie sich bewusst davon abheben?

Clerici: Wir brauchen das nicht bewusst machen, weil wir gar nicht so denken. Man muss einen Unterschied zwischen dem britischen Humor und dem Rest der Welt machen. Die Briten setzen mit dem englischen Humor Maßstäbe und können sich mehr erlauben als andere Nationen. Einerseits liegt das in ihrer Geschichte begründet, andererseits in dem englischen Idiom und dieser kultivierten Selbstironie. Bei diesen Burschen hat man trotz Chauvinismus das Gefühl, dass sie sich selbst nicht ganz ernst nehmen. Das ist eine Kunst.

Unsere Sendung hat kein Interesse, sich solcher Klischees zu bedienen. Frauenfeindliche Witze zu machen, gerade wenn es um das Auto geht, ist so antiquiert und deppert. Frauen haben dieses blöde Machogequatsche satt, die durchdrehenden Reifen und die dicken Hosen. Das ist pubertär und nervig. Wenn in meiner Sendung gelacht wird, dann gerne über mich, weil Selbstironie das beste Transportmittel für Botschaften ist. Was wir sicher nicht sind, ist ein testosterongesteuertes Benzinbrüdermagazin.

STANDARD: Versucht man gezielt Frauen anzusprechen?

Clerici: Wir haben einige Redakteurinnen im Team, weil mir das wichtig ist. Wenn ich in der Geschichte vorkomme, lasse ich mich sehr gerne von Frauen inszenieren. Das ist zielgerichtet, um Zuseherinnen anzusprechen. Dieses höher, weiter, schneller spart man sich dann. Psychologisch ist das interessant.

STANDARD: In einer Szene demonstrieren Sie als Beifahrer, wie man im Auto Zwiebel schneidet. Das sieht gefährlich aus. Was ist mit Vorbildwirkung?

Clerici: Ich bin ein Fernsehmensch, der davon ausgeht, dass mir mündige Menschen zusehen. Mit Vorbildwirkung habe ich meine Probleme, wenn man sich vor Augen hält, was sich Leute täglich in der "Zeit im Bild" ansehen können, im "Tatort" oder bei "Sex and the City" oder sonst wo. Wer das als Anregung findet, mit einem möglichst scharfen Messer in einem Auto Zwiebel zu schneiden, da hört mein Verständnis auf. Das ist ungefähr so, wie eine Autofirma zu verklagen, weil mich das Navigationsgerät in die Donau geleitet hat. Ich sehe mich nicht als Vorbild der Nation. Wird Zwiebelschneiden im Auto zum Trendsport oder zum Yotube-Hit, dann muss ich vielleicht Kapital daraus schlagen (lacht).

STANDARD: 20 Sendungen sind vorerst fixiert. Ab welcher Quote geht es weiter?

Clerici: Das weiß ich nicht. Ich glaube, wir müssen auf diesem Sendeplatz freitags um 18.50 Uhr diese Quoten bekommen. Das sind meines Wissens um die 60.000 Zuseher. Ich habe keine Ahnung, ob das realistisch ist. Ich würde lügen, wenn ich sage, dass mir die Quoten egal sind. Ganz im Gegenteil. Ist die Sendung erfolgreich, dann gehe ich davon aus, dass sie sie weitermachen und der Traum aufrecht bleibt. Quoten sind ein mühsames Thema, weil ich bezweifle, dass sie die Realität abbilden. Ich hoffe sehr, dass es die Leute mögen und es würde mich treffen, wenn das keiner sehen will. Ist es nicht erfolgreich, gehen wir erhobenen Hauptes unter. Ich bin aber zuversichtlich.

STANDARD: Quoten sind halt meistens der Maßstab.

Clerici: Was mich aufregt, ist Quoten- und Sendungsbashing. Fernsehen ist für mich eine Kunstform. Kunst hat immer etwas mit Geschmack zu tun. Mit der Quote gibt es ein abstraktes Messmittel, an dem die Werbepreise hängen. Also ein riesiger Wirtschaftskreislauf. Unter dem Strich sollte man jedes neue Format begrüßen, weil es von Menschen gemacht wird, die mutig sind und etwas bewegen wollen. Dass bei Nichtfunktionieren dann gleich von einem Flop oder einer Niederlage die Rede ist, nervt. Mein Gott, es ist nur Fernsehen.

STANDARD: Sie waren bei deutschen Sendern, viele Jahre im ORF, jetzt bei ATV: Haben Sie im Privatfernsehen mehr Narrenfreiheit?

Clerici: Narrenfreiheit und ORF ist ein Anachronismus (lacht). Nein, die Unterschiede werden überschätzt. Fernsehen ist Fernsehen. Ein aufwühlendes, achterbahnartiges Genre, in dem man etwas aushalten muss. Um ehrlich zu sein, sind das alles nur Eitelkeiten. Jeder Sender hat den Auftrag, etwas für den Zuseher zu machen. Ähnlich wie in der Politik, wenn Wahlkampf ist, möchte ich dieses Wort Kampf nicht hören. Parteien sollen gemeinsam für Bürger arbeiten statt zu streiten. Ähnlich ist es beim Fernsehen: Der eine Sender basht den anderen. Es bräuchte etwas mehr Gelassenheit.

STANDARD: Wie verhält es sich mit Produktplatzierungen? Ist das ein schmaler Grat, dass es nicht zu plump wird?

Clerici: Es ist eine Autosendung, da kommen Autos vor. Dann gibt es Partner der Sendung, die durch Produktplatzierungen solche Sendungen überhaupt erst möglich machen. Die Produktion ist sehr aufwendig und ohne Unterstützung der Automobilwirtschaft wäre das nicht möglich.

STANDARD: Wie tariert man das aus?

Clerici: Macht man einen Autotest, dann muss das Auto vorkommen. Wir kriechen den Autos nicht in den Auspuff rein. Ich sehe keine Notwendigkeit justament auf etwas einzudreschen, das in Wirklichkeit gut ist, nur damit mir keiner unterstellt, dass ich einen Dienst an der Wirtschaft verrichte und Seilschaften mit der Autoindustrie pflege. Mein Verständnis ist: Es gibt heute keine schlechten Autos mehr, die einfach wegrosten oder nicht bremsen können. Finden wir etwas seltsam, dann sagen wir das auch. Die "Autorevue" ist nicht bekannt dafür, ein Sprachorgan der Industrie zu sein. Wir sind keine Werberahmensendung.

STANDARD: Ob Motorsport oder woanders: Im ORF geht nichts ohne Niki Lauda. Wann kommt er in Ihre Sendung?

Clerici: Er hat uns schon als Gast zugesagt und kommt nach der Formel-1-Saison. Die große Frage wird sein, ob wir ihn überreden können, bei unserem Geschicklichkeitsparcours mitzumachen. (Oliver Mark, 23.10.2015)

Christian Clerici (49) begann seine TV-Karriere 1989 im ORF bei "X-Charts". Weitere Stationen waren Premiere, ARD, ZDF, Sat.1. "Autorevue TV" produziert er gemeinsam mit dem "Autorevue"-Magazin.

"Autorevue TV" steht ab Freitag auf ATV immer wöchentlich um 18.50 Uhr auf dem Programm.

  • "Autorevue TV": Christian Clerici produziert die Sendung für ATV in Kooperation mit dem Magazin "Autorevue".
    foto: atv

    "Autorevue TV": Christian Clerici produziert die Sendung für ATV in Kooperation mit dem Magazin "Autorevue".

  • Erster Studiogast am Freitag ist Sportskanone Marcel Hirscher.
    foto: atv

    Erster Studiogast am Freitag ist Sportskanone Marcel Hirscher.

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