Texta: "Die Hochkultur will ein bisserl Pop"

23. Oktober 2015, 10:00
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Die Linzer Hip-Hopper kollaborieren erneut mit dem Theater: In einer Neufassung von Jura Soyfers Stück "Astoria" plädieren sie unter anderem für die "Abschaffung der Geografie"

Linz – Hip-Hop-Musiker machen in Hollywood beachtliche Schauspielkarrieren. Mit den Millionengagen von Ice-T, Ice Cube und Will Smith lässt sich eher nicht mithalten, aber auch in Österreich offenbart die Spartenkombination Hip-Hop/Schauspiel ihre Reize. Die Linzer Formation Texta gibt ab heute, Freitag, in einer neuen Bühnenfassung von Jura Soyfers Stück Astoria am Linzer Musiktheater die Unterhaltungscombo. Seit mehr als 20 Jahren behaupten die sympathischen Herrschaften gemächlich, aber unnachgiebig ihre meist mundartlich gesungene Musik, seit dem Abgang von Martin Schlager alias Skero nunmehr im Viererbund.

"Schauspieler sind auf jeden Fall schlechtere Hip-Hopper als Hip-Hopper Schauspieler", stellt Philipp Kroll (Flip) mit Blick auf die Karrieren der oben genannten Hollywoodstars klar. Dennoch werden Texta in Dominik Günthers Inszenierung keine Schauspieler imitieren, sondern gewissermaßen sie selbst bleiben, wenn auch in adretten Tanzkapellenkostümen. Ihre Kompositionen sind jedoch kein Beiwerk, sondern integraler Bestandteil des Plots und Stückaufbaus.

Hinterfragung in einem fiktiven Staat

Das 1937 erstveröffentlichte Astoria erzählt von der Gründung eines fiktiven Staats, einem Fantasiegebilde, in dem die widerstreitenden Bedürfnisse und Interessen darin lebender Bürger von diesen grundlegend hinterfragt werden. Das verlangt auch insofern nach einem Soundtrack, als in den Volksstücken Jura Soyfers Lieder stets poetische Knalleffekte darstellten ("die Erde liegt im Leichenhemd/ Und war einst jung und bunt/ Was suchst du noch, du bist hier fremd/ Mein Bruder Vagabund"). Die Originalmusik von Jimmy Berg war für diese Blackbox-Produktion übrigens nicht relevant.

Inwiefern ist aber das gerappte Wort – immerhin eine veritable Hochgeschwindigkeitsreimkunst – mit dem gesprochenen Wort kompatibel? Darauf die ehrliche Antwort von Harald Renner alias Huckey: "Wir versuchen fürs Theaterpublikum langsamer und verständlicher zu sein." Ein Eingeständnis, das Regisseur Dominik Günther aber gleich wieder zu relativieren hilft: "Ihr macht aber nicht öden Kompromissrap!"

Der Unterschied zu einer normalen Texta-Arbeit ist vielmehr der, dass im Arbeitsprozess üblicherweise meist die Musik vor dem Thema fertig daliegt und erst dann eine inhaltliche Idee dazu gesucht wird. Bei Welcome to Astoria, so der der korrekte Titel der neuen Bühnenfassung, war es umgekehrt: "Wir hatten klare Vorgaben", so Klaus Laimer (Laima), "und das ist für unser Arbeiten eigentlich leichter, es geht schneller. Sonst brauchen wir immer ewig, bis wir uns einigen, was zu welchem Beat geschrieben wird."

Gustav, Naked Lunch

Theater und Musik schlagen immer wieder Brücken zueinander. Von Robert Wilson und Tom Waits bis Martin Kusej und Bert Wrede. In den letzten Jahren boomen auch Kollaborationen von popaffinen Musikern mit dem Stadttheaterbetrieb. Die Kärntner Rockband Naked Lunch lieferte dem Stadttheater Klagenfurt für Frank Kafkas Amerika den Soundtrack (ein gleichnamiges Album ist erschienen). Gustav alias Eva Jantschitsch macht(e) mit der Proletenpassion 2015 ff. im Werk X Furore. Und Texta waren bereits zur Eröffnung des Linzer Musiktheaters bei Max'n Morizz dabei. Was steckt hinter diesem Trend?

"Ich glaub'", so Philipp Kroll, "die Hochkultur will ein bisserl Pop." Zudem sei es, so Kollege Renner weiter, für Musiker spannend, sich auch auf der Theaterbühne auszuprobieren: "Raus aus dem Hamsterrad, das da heißt ,Album produzieren – proben – Konzerte spielen'." Das Lied Die Abschaffung der Geografie, das Texta noch vor der ungarischen Grenzzaunerrichtung geschrieben haben, läuft als Auskoppelung bereits im Radio.

Die Fragen, die Astoria aufwirft – was ist eine Nation, ein Staat, ein Land? -, haben gerade durch die aktuelle Flüchtlingsnot Brisanz gewonnen. "Jeder Staat ist in Wahrheit eine Erfindung, ob das Österreich ist, Israel oder Transnistrien", so Kroll. (Margarete Affenzeller, 23.10.2015)

"Welcome to Astoria", 23. Oktober, 20 Uhr, Landestheater Linz

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Texta

  • Die Herren der Linzer Hip-Hop-Formation Texta rappen, bis die Ohren des Theaterpublikums glühen: Harald Renner, Philipp Kroll, Klaus Laimer und Daniel Reisinger (von re.). "Welcome to Astoria" ist ihre zweite Arbeit als Theatermusiker.
    foto: zoe fotografie.

    Die Herren der Linzer Hip-Hop-Formation Texta rappen, bis die Ohren des Theaterpublikums glühen: Harald Renner, Philipp Kroll, Klaus Laimer und Daniel Reisinger (von re.). "Welcome to Astoria" ist ihre zweite Arbeit als Theatermusiker.

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