Kein Weltwunder Nr. 9

Kolumne22. Oktober 2015, 17:27
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Unter Weglassung aller zivilgesellschaftlicher Romantik hat sich Irmgard Griss weitgehend den Entscheidungen der Freiheitlichen ausgeliefert

Die Schnittmenge aus den Personen, die sich die Befähigung zum Staatsoberhaupt anschmeicheln, und jenen, die bereit sind, diese Autosuggestion unter die Beweislast einer Volkswahl zu stellen, kristallisiert sich allmählich heraus. Es hätte noch Zeit gehabt. Aber seit Irmgard Griss, der Volksweisheit folgend, der frühe Vogel fange den Wurm, vorgeprescht ist, ist die Neugier nicht mehr zu bremsen. Fürs Erste hat sie damit in der öffentlichen Wahrnehmung sogar den Uraltbewerber ausgetrickst, der seit Jahren versucht, den Auslauf seiner niederösterreichischen Karriere in den Anlauf zur Bundespräsidentschaft übergehen zu lassen.

Kaum hatte Frau Griss, von Michael Spindelegger ins Licht der Öffentlichkeit gerissen, den Regierenden ihr Totalversagen auf allen Ebenen nachgewiesen, richtete sich jener Teil des allgemeinen Erlösungsbedürfnisses, das nicht von einem Strache aufgesaugt wird, auf ihre Person und – aus gerade bevorstehendem Anlass – auf deren Erhöhung in die Hofburg. Es war Schicksal, auf das sie mit gebotener Huld reagierte. Es wäre ein achtes Weltwunder, sollten die beiden Koalitionsparteien sich auf sie als Kandidatin einigen, hatte sie im ersten Schreck noch gemeint, um alsbald ihre Bereitschaft zu verlautbaren, sich von einem neunten Weltwunder überzeugen zu lassen: Lieber als die Koalition wäre ihr als Unterstützerin doch eine sogenannte Zivilgesellschaft, die zwar noch nie einen Kandidaten in die Hofburg gebracht hat, aber frei vom Ludergeruch der Totalversager ist. Auf besondere Konsequenz lässt das umso weniger schließen, als sie in diese Zivilgesellschaft ohne Skrupel das so ziemlich Unzivilisierteste ausdrücklich einschließt, was die Gesellschaft derzeit zu bieten hat: Sie habe nichts gegen eine Unterstützung durch die FPÖ, eine Angelobung Straches als Bundeskanzler sei für sie denkbar.

Unter Weglassung aller zivilgesellschaftlicher Romantik hat sie sich damit weitgehend den Entscheidungen der Freiheitlichen ausgeliefert, noch vor der definitiven Ankündigung einer Kandidatur. Denn SPÖ und ÖVP können wohl nicht anders, als eigene Kandidaten aufzustellen, alles andere wäre ein noch nie dagewesenes Schwächezeichen. Und wenn die Grünen dies mit Van der Bellen auch tun, haben sie ein Angebot, das die Zivilgesellschaft, was immer das sei, ebenso gut anspricht wie die Richterin, darüber hinaus aber auch noch politische Erfahrung mitbringt. Die Freiheitlichen, inzwischen ebenso stark wie die Regierungsparteien, wenn nicht schon stärker, müssten diesmal einen eigenen Kandidaten aufstellen, wollen sie nicht neuerlich ihren peinlichen Mangel an zumutbaren Persönlichkeiten offenbaren. Tun sie es, dann schrumpft der für Griss verbleibende zivilgesellschaftliche Rest bedenklich, tun sie es nicht und unterstützen als einzige Partei Griss – dann schrumpft er noch mehr.

An Parteien führt in einer Demokratie nun einmal kein Weg vorbei, und das ist gut so. Sind diese schlecht, werden sie eben verschwinden und durch bessere ersetzt. Wer ein politisches Amt anstrebt, aber keine Parteien mehr kennen will, muss, einmal im Amt, doch mit ihnen arbeiten. Das haben schon andere erfahren. (Günter Traxler, 22.10.2015)

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