Salzburg erforscht seine NS-Psychiatrie

23. Oktober 2015, 13:48
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Krankenakten belegen mindestens 262 ermordete Patienten.

Salzburg – Mit der Öffnung der Krankenakten der Christian-Doppler-Klinik aus den Jahren 1850 bis 1969 sind nun erstmals auch die Aufzeichnungen der Salzburger NS-Psychiatrie für die Forschung zugänglich. Das Land Salzburg hat eine eigene Forschungsgruppe, bestehend aus Vertretern von Klinik, Universität, Landesarchiv sowie der Gedenkstätte Schloss Hartheim, mit der "Erforschung der Rolle der Christian-Doppler-Klinik während und nach dem NS-Regime" beauftragt.

"Die Klinik beteiligte sich an der Aktion T4, also der systematischen Ermordung von Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen", sagt Landtagsabgeordnete Kimbie Humer-Vogl. Die Landtagsabgeordnete der Grünen ist im Zivilberuf klinische Psychologin und hat im Landtag den Antrag zur Aufarbeitung der NS-Psychiatrie gestellt.

In Hartheim ermordet

Nach bisherigem Wissensstand habe sich die "Landesanstalt für Nerven- und Gemütskranke" aktiv an der Ermordung von Menschen beteiligt. Zumindest 262 Opfer könnten belegt werden, sagt Humer-Vogl. Die meisten von ihnen wurden in der oberösterreichischen Tötungsanstalt Hartheim ermordet.

Der Forschungsauftrag beinhaltet neben der NS-Zeit auch die "Nachwirkungen" des Terrorregimes in der Salzburger Psychiatrie. "Dies betrifft einerseits den personellen und administrativen Bereich, andererseits auch medizinisch-therapeutische Methoden", wird im Vorhabensbericht des Landesarchives für das zweijährige Forschungsprojekt formuliert.

Diagnostische Traditionen

Dass die Traditionen bis weit in die Gegenwart heraufreichen, sagt auch Peter Sönser, in den 1990er-Jahren Patientenanwalt an der Doppler-Klinik. Es habe eine "massiv autoritäre Tradition" vorgeherrscht, sagt Sönser im STANDARD-Gespräch. Erst mit dem Unterbringungsgesetz 1991 wurde versucht, den Patienten Persönlichkeitsrechte zurückzugeben.

Wie ungenügend die Aufarbeitung sei, bestätige die Klinik selbst, sagt Humer-Vogl. In einer Presseaussendung zur Öffnung der Akten werde explizit auf deren "medizinische Bedeutung" hingewiesen, "beispielsweise bei erblich relevanten Krankheiten". Datum der Aussendung der Salzburger Landeskliniken: Februar 2015. (Thomas Neuhold, 23.10.2015)

  • Karl Strobl ist einer der 262 Patienten der Salzburger Landesnervenklinik, der von den Nationalsozialisten ermordet worden war. Um an sein Schicksal zu erinnern, wurde in Hallein ein Stolperstein verlegt.
    foto: humer-vogl

    Karl Strobl ist einer der 262 Patienten der Salzburger Landesnervenklinik, der von den Nationalsozialisten ermordet worden war. Um an sein Schicksal zu erinnern, wurde in Hallein ein Stolperstein verlegt.

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