Hitler sein oder nicht sein, das ist hier die Frage

22. Oktober 2015, 16:52
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Österreichische Erstaufführung von Theresia Walsers "Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm"

Wien – Zunächst herrscht: Stille. Drei Herren – wie sich alsbald herausstellt: Schauspieler – sitzen, leidlich gemütlich, in einem Talkshow-Setting. Allein, der Moderator fehlt. Also Warmreden, bis es losgeht.

Obwohl: Was, wenn alle Argumente schon vor der echten Show verpuffen? Sagt man jetzt eigentlich Hamlet? Oder Hämlet? Gute Frage. "Heben Sie sich das für die Sendung auf!" Auch rein köpersprachlich sind einander der schnöselig-schmierante Franz Prächter (Andreas Patton), der anpasslerische Peter Söst (Simon Hatzl) und der zwischen subaltern und aufmüpfig changierende Ulli Lerch (Heinz Weixelbraun) nicht wirklich grün.

Zu klären gilt nämlich: Darf man Hitler spielen? Und, noch viel wichtiger: Wer von ihnen war eigentlich der bessere Hitler? "Ich habe Schokoladenkuchen gegessen", schwärmt Söst von sich als Hitler, "aber wie ich diesen Schokoladenkuchen gegessen habe: Ich habe bei jedem Bissen die Vernichtung gespielt." Prächter hält dagegen: "Ich habe nie versucht, da unten im Bunker als Hitler meine Suppe bösartig zu essen!" Von rechts außen meldet sich, ein wenig zaghaft, Ulli Lerch zu Wort: "Ich habe Goebbels gespielt, in unserem Film hat Hitler nur zweimal vom Balkon gewunken." Klar, er ist neben den beiden Hitler-Stars eher das Zniachtl.

In der Aufregung zerlegt er dann auch noch beim verlegenen Hin- und Herrücken zwischendurch das Tischchen. "Zuerst den Hämlet zertrümmern, dann den Tisch", ätzt Prächter, das Gockeltier.

Ausdruckslegastheniker

Was darf das Theater? Gibt es Grenzen – wenn ja, welche? Moralische? Ethische? Ästhetische? Darf man beispielsweise auf der Bühne mit den Zähnen Seiten aus dem Koran fetzen? Und wenn schon Hitler: Was heißt "gut spielen" in dem Zusammenhang? Ist gut böse? Oder böse gut?

Sicher, das Publikum sollte mit Shakespeare, Schiller oder Grillparzer nicht komplett auf Kriegsfuß stehen, um das Pingpongspiel genießen zu können, das Patton, Hatzl und Weixelbraun sich lustvoll (und selbstironisch) liefern.

"Schauspieler sein, das heißt: Erlebnisarmut, Geschichtenmangel. Erzählerschwäche. Der Schauspieler, sag ich immer, bleibt sich selbst gegenüber ein Leben lang ein Ausdruckslegastheniker." Der deutschen Dramatikerin Theresia Walser ist mit Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm eine kluge und kurzweilige Satire über das Theater gelungen, die Juggernauten gastieren mit der österreichischen Erstaufführung nun im Wiener Hamakom-Theater im Nestroyhof (Regie: Hans-Peter Kellner). (Andrea Schurian, 23.10.2015)

Nächste Vorstellung: 23., 24. 10.

www.hamakom.at

  • Warten, dass es losgeht: Simon Hatzl als Peter Söst, Andreas Patton als Franz Prächter und Heinz Weixelbraun als Ulli Lerch.
    foto: freda fiala

    Warten, dass es losgeht: Simon Hatzl als Peter Söst, Andreas Patton als Franz Prächter und Heinz Weixelbraun als Ulli Lerch.

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