Nachhaltiger Tourismus auf der Kakaoinsel

24. Oktober 2015, 18:00
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Der Inselstaat São Tomé und Principe hat wenig touristische Infrastruktur. Ein Projekt aus Italien zeigt, wie nachhaltige Entwicklung aussehen könnte

"Der Esel ist unser Freund" steht auf dem Schild. Die "Freunde" im Gehege dahinter sind die Ersten, die jemals auf São Tomé heimisch wurden. Der Präsident Angolas hatte sie dem Präsidenten des Inselstaats geschenkt. Hier wusste aber niemand so recht, wohin mit ihnen. Also hat ihnen Tiziano Pisoni eine neue Heimat auf dem Anwesen gegeben, auf dem er und seine Frau Mariangela Reina das Ecoturismo-Hotel Mucumbli betreiben.

Fünf Eselchen sind heuer schon auf die Welt gekommen. Die großen werden für Trekkingtouren "eingeschult". Will man Freunden in Europa von einer Reise nach São Tomé und Principe erzählen, muss man meistens zuerst erklären, dass der kleine Inselstaat an der Westküste Afrikas liegt, westlich von Gabun und südlich von Nigeria.

foto: alois pumhösel
Auf einem Strand unweit des Hotels Mucumbli auf São Tomé tummeln sich größtenteils noch Einheimische. Doch der Tourismus wächst.

Die einstige Kolonie Portugals, die 1975 Unabhängigkeit erlangte, ist nach wie vor ein bitterarmes Land. 90 Prozent des Budgets kommen aus internationaler Hilfe. Der Tourismus steckt mit wenigen tausend Besuchern pro Jahr noch in sehr kleinen Kinderschuhen.

Kein isoliertes Resort

Die Pisonis sind vor mehr als 20 Jahren aus Italien hierher gekommen. Seitdem haben der studierte Tierarzt aus Bergamo und seine Frau als Entwicklungshelfer viele Landwirtschafts-, Bildungs- und Gesundheitsprojekte auf der Insel koordiniert. Ihre Erfahrung stecken die beiden nun auch in ihr Privatprojekt Mucumbli, das zu einer besonderen italienisch-saotoméischen Mischung heranwuchs. In den liebevoll eingerichteten Bungalows auf einem Felsen über dem Atlantik fühlt man sich nicht wie in den abgeschotteten Resorts, die von westlichen Unternehmen auf tropischen Inseln ohne Rücksicht auf lokale Gegebenheiten implantiert werden.

Dass die Beschäftigten glücklich sind, gehöre zum "Spirit" des Projekts, so Pisoni. 29 Mitarbeiter kümmern sich um Restaurant, Bungalows und Landwirtschaft. Baustoffe und Holz – gerade werden Bungalow Nummer sieben und acht gebaut – kommen aus der Umgebung des Bezirks Lembá, der zu den ärmsten Regionen der Insel gehört.

foto: mucumbli
Bungalows über dem Atlantik: Mucumbli.

Maria Rocha, genannt Pepita, ist als Chefin für die höchst individuelle Fusion-Küche zuständig. Italienisch-são-toméische Pasta steht auf der Karte gleich neben dem einheimischen Fischeintopf. Etwa 50 Prozent der Nahrungsmittel, also Eier, Gemüse, Huhn und Ziege, kommen aus der eigenen Landwirtschaft.

Rocha wurde mangels Ausbildungsstätten auf São Tomé an eine Hotelfachschule auf den Kapverdischen Inseln geschickt. Jetzt gibt sie ihr Wissen weiter. "Viele, die jetzt für Mucumbli arbeiten, sind die Kinder jener Leute, die ich bei meinen ersten Projekten in den 90er-Jahren kennen lernte", schmunzelt Pisoni.

foto: alois pumhösel
Tiziano Pisoni betreibt das Hotel auf São Tomé und Príncipe. Esel werden für Trekkingtouren eingeschult.

Hotel entstand nach Kakaoanbau

Als er 2010 das Grundstück anschaffte, wollte er eigentlich nur helfen, die lokale Landwirtschaft zu entwickeln. Er ließ endemische Früchte und Kakao pflanzen. Das Hotelprojekt entstand erst, nachdem er zuerst Lodges für sich und Freunde errichtete, die auf Besuch kamen. 2013 waren die ersten Hotelbungalows fertig.

Die Pisonis arbeiten auch an einer breiten Ecoturismo-Kooperation auf der Insel. Ende Oktober startet als erstes Projekt ein Programm für nachhaltiges Trekking, gemeinsam mit den lokalen Kakaokooperativen und den Menschen in den Dörfern, die auch finanziell profitieren.

Die Mucumbli-Lodges soll auch bald ein kleiner Kunsthandwerkshop zieren. 1992, als sich die beiden als Volontäre für São Tomé entschieden, Tiziano als Lehrerin einer Agrartechnikschule, Mariangela als Krankenschwester, sah das Leben noch anders aus. Der Inselstaat pflegte enge Kontakte zu UdSSR, DDR und Kuba. Das Ende des Ostblocks hatte für das Land gravierende Folgen. "Es gab nichts. Keine Autos, keine Geschäfte", blickt Pisoni zurück, "wir nahmen das meiste aus Italien mit."

foto: alois pumhösel
São Tomé und Príncipe ist nach den Seychellen der zweitkleinste Staat Afrikas.

Die Administration war gerade erst im Aufbau. Es gab wenig Kommunikation zu westlichen Staaten. Vor 15 Jahren wurde vor der Küste Öl entdeckt, die Förderung geht aber kaum voran. "Mittlerweile ist die Euphorie vorüber, und man setzt wieder mehr auf Kakao", sagt Pisoni. Produzenten aus Kamerun, der Schweiz und Frankreich seien deswegen bereits gekommen.

Der frühere Amateurradrennfahrer brachte auch den ersten Drahtesel mit auf die Insel. Das hatte Folgen: Gemeinsam mit lokalen Radlern organisierte er vor zehn Jahren die erste "Volta do Cacau", ein Radrennen, das mittlerweile auch internationale Beteiligung vorweisen kann. Das Nationalteam, gesponsert von Mucumbli, ist diesen Oktober bei der "Volta Angola" im Auslandseinsatz. Natürlich hat das zuständige Ministerium von SãoTomé wenig Geld für solche Dinge." Wir bekommen moralische Unterstützung", lacht Pisoni. (DER STANDARD, 24.10.2015)

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