"Man muss die Ziele relativieren"

Interview22. Oktober 2015, 13:55
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Die Skidamen sind nach Fenningers Ausfall vor dem Saisonauftakt in Sölden arg geschwächt. Cheftrainer Jürgen Kriechbaum über geänderte Erwartungen und die Möglichkeiten des Damenrennsports

STANDARD: Wie ist die Stimmung im ÖSV-Damenteam nach Anna Fenningers Sturz und ihrem Ausfall für die komplette Saison?

Kriechbaum: Wir sind sehr betroffen. Für alle Beteiligten ist es ein großer Rückschlag. Die gemeinsam formulierten Ziele sind mit einem Schlag zumindest mittelfristig zerstört.

STANDARD: Das Damenteam ist durch Fenningers Ausfall und durch zahlreiche Rücktritte vor der Saison arg geschwächt. Inwieweit muss man die Erwartungen für den Winter nun zurückschrauben?

Kriechbaum: Das ist klar. Anna war in unserem Team die Fixgröße, die Bank. Wenn andere einen schlechten Tag hatten oder vielleicht überfordert waren, dann war die Anna da. Man muss gewisse Ziele, die wir hatten, relativieren. Auch eine Nicole Hosp und eine Kathrin Zettel kann man nicht mit links ersetzen.

STANDARD: Fenningers Streit mit dem Skiverband hat im Sommer für Aufsehen gesorgt. Welche Rolle haben Sie in dem Disput gespielt?

Kriechbaum: Das war ein Streit zwischen zwei Fronten, denen ich jeweils sehr verbunden bin. Das tut schon weh. Man weiß natürlich, dass das unterm Strich nicht wirklich positiv ist. Dadurch kann vieles, was man sich in den vergangenen Jahren aufgebaut hat, zerstört werden. Anna war sehr knapp am Rücktritt. Ich habe keine Ahnung, wie sehr die Sache durch ihr Management manipuliert war. Es ist dann auch gar nicht so einfach, vermittelnd aufzutreten, weil sich der Konflikt nicht auf der sportlichen Ebene abgespielt hat. Irgendwann hat man dann aber die Augen geöffnet und gesehen, dass es so nicht weitergehen kann.

STANDARD: Inwieweit haben Sie Fenningers Unzufriedenheit schon vor ihrem Mail im Frühjahr gespürt?

Kriechbaum: Die Unzufriedenheit war für mich so nicht spürbar. Ich habe gemerkt, dass ihr Ex-Manager Klaus Kärcher Dinge gerne anders gehabt hätte, weil man sich in den Vermarktungsmöglichkeiten eingeschränkt gefühlt hat. Aber das war nicht mein Thema, da ich keinen Einblick in Annas Verträge habe.

STANDARD: Fenningers Unzufriedenheit bezog sich auch aufs Sportliche, sie hat sich etwa einen eigenen Konditionstrainer gewünscht.

Kriechbaum: Ich glaube, es liegt in der Natur des Menschen, dass man immer wieder nach besseren Betreuungsmöglichkeiten sucht. Aufgrund ihrer gesundheitlichen Probleme, die sie schon vor ihrem Sturz hatte, brauchte Anna ein spezielles Training. Das war immer schon klar. Aber wenn man merkt, dass das Management ÖSV- oder Fis-Richtlinien missachtet, ist es schwer, eine Sonderbehandlung zu verlangen. Ich denke, Anna hat sich in diesem Spannungsfeld befunden. Es war für sie nicht einfach, richtig zu agieren.

STANDARD: Gibt es mittelfristig Läuferinnen, die die Lücke, die Zettel und Hosp hinterlassen haben, schließen können?

Kriechbaum: Wir haben eine Reihe hoffnungsvoller Läuferinnen. Das sieht man auch in den Fis-Ranglisten. Im Riesenslalom und im Slalom sind 18, 19 vorwiegend sehr junge ÖSV-Athletinnen unter den besten hundert. Das ist ein sehr gutes Zeichen. Wer später führende Rollen einnehmen kann, kann man aber noch nicht sagen.

STANDARD: Sie haben früher Männer trainiert. Ist es schwieriger, Frauen zu trainieren?

Kriechbaum: Man tut den Athletinnen unrecht, wenn man sagt, man müsse sie speziell behandeln. Das stimmt nicht. Es ist ganz wichtig, die Dinge auch im Damen-Leistungssport sehr sachlich zu sehen. Nur dann gelingt es, die richtigen Rückschlüsse zu ziehen. Man muss Zusammenhänge erkennen. Da liegen bei den Damen möglicherweise andere Themen zugrunde. Es liegt dann am Geschick der Betreuer, diese Themen geschlechterspezifisch zu erkennen und möglicherweise anders abzuhandeln als bei den Männern.

STANDARD: ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel hat gesagt, die Sprache der Frau sei eine andere als die des Mannes. Verstehen Sie die Sprache der Frau?

Kriechbaum: Das habe ich mich noch nie ernsthaft gefragt, und damit wird ein Klischee bedient. Es ist schon möglich, dass Frauen andere Gedankengänge, ein anderes Verständnis von Logik haben, aber das Gleiche passiert auch innerhalb der Männerwelt.

STANDARD: Sie haben in einem Interview gesagt, dass sich der Damenrennsport sehr weiblich präsentieren kann. Das sei das große Plus. Wie ist das zu verstehen?

Kriechbaum: Bei einer Frau ist es nicht primär entscheidend, ob sie 60, 70 oder 80 Meter weit springt. Man kann auch Sprünge mit weniger Geschwindigkeit machen, die trotzdem spektakulär aussehen. Man sollte bei den Damen auch charakteristische Klassiker forcieren, vor allem bei den Speedrennen. Bei technischen Bewerben gelingt das schon, zum Beispiel in Flachau. Dieses Rennen hat einen eigenen Charakter und eine eigene Begeisterung. Ich denke, das ist der Weg, den es braucht.

STANDARD: Das heißt, mit "weiblich präsentieren" spielen Sie nicht auf das Äußerliche von Frauen an?

Kriechbaum: Wenn man sich als Frau in einem Sport vermarkten will, spielt das Aussehen natürlich auch eine große Rolle. Wichtiger ist aber, wie man sich präsentiert und mit welcher Ausstrahlung man wahrgenommen wird. Da haben Frauen gute Möglichkeiten, sich interessant zu inszenieren. Ich denke, das passiert bereits, und das kann auch noch mehr werden. Warum nicht?

STANDARD: Aber Nachwuchsläuferinnen werden nicht nach dem Aussehen ausgewählt?

Kriechbaum: Nein, es geht darum, dass sich der Damenrennsport besser positioniert. Das gelingt mitunter auch, wenn man sich entsprechend präsentiert. Wenn jemand hübsch ist, muss man das nicht verstecken. Das sind aber keine Kriterien, nach denen Sport vonstattengehen soll. Wenn man sich vorteilhaft und interessant darstellt, wird insgesamt der Damenskirennsport aufgewertet.

STANDARD: Sie sind seit 2013 Damen-Cheftrainer – wie sieht Ihre Zwischenbilanz aus?

Kriechbaum: Rein an Erfolgen gemessen war es eigentlich gut. Wir haben bei Olympia sechs Medaillen gemacht, das war gewaltig. In derselben Saison war der Riesenslalom nicht immer so gut. Nur Fenninger war sehr stark. Brem ist erst im Vorjahr richtig gut gefahren. Im Slalom versuchen wir nach dem Rücktritt von Marlies Schild, Zettel und Hosp – das waren unsere Siegläuferinnen – wieder den Anschluss zu finden. Aber ich beschäftige mich nicht mehr wirklich mit den letzten Jahren. Dieses Jahr und vielleicht auch in den nächsten Jahren kommen neue Aufgaben und neue Reize. Bilanzen habe ich gar nicht mehr so richtig im Kopf.

STANDARD: Haben Sie einen Plan, wie lange Sie den Job noch machen wollen?

Kriechbaum: Nein. Wenn ich irgendwann einmal das Gefühl habe, die Sache ist beendet, werde ich darüber nachdenken. Das ist im Moment noch nicht der Fall.

STANDARD: Und was darf man sich von den ÖSV-Damen in Sölden erwarten?

Kriechbaum: Ich glaube es noch gar nicht, dass am Wochenende schon das Rennen ist. Wegen der Probleme, gute Trainingspisten zu finden, habe ich keine besonderen Erwartungen. Das Ziel war einfach, dass einige Sieganwärterinnen am Start sind, aber auch dass wir mannschaftlich stark sind. Ich denke, dass nach Fenningers Ausfall Eva-Maria Brem die Möglichkeit hat, weit vorne zu landen. Vielleicht kann Michaela Kirchgasser besser abschneiden als in den Jahren zuvor. Und es wäre natürlich schön, wenn Läuferinnen, die nicht unter den besten 30 sind, sich für den zweiten Durchgang qualifizieren und vielleicht über sich hinauswachsen. (Birgit Riezinger, 22.10.2015)

Jürgen Kriechbaum (48), gebürtiger Oberösterreicher, ist seit 1993 Trainer im ÖSV, seit März 2013 Cheftrainer des Damenteams.

  • Frauen hätten gute Möglichkeiten, sich zu inszenieren, sagt Kriechbaum. "Wenn man sich vorteilhaft und interessant darstellt, wird insgesamt der Damenskirennsport aufgewertet."
    foto: apa/expa/jfk

    Frauen hätten gute Möglichkeiten, sich zu inszenieren, sagt Kriechbaum. "Wenn man sich vorteilhaft und interessant darstellt, wird insgesamt der Damenskirennsport aufgewertet."

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