Alles Gute kommt von oben

22. Oktober 2015, 12:53
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Ivo Karlovic schlägt in Wien Ass um Ass und langweilt sich dabei überhaupt nicht. Der Kroate hält auch den Aufschlag-Weltrekord

Wien – Es war im Jahr 2009. Ivo Karlovic servierte in einer Fünfsatzpartie im Daviscup 78 Asse. Das sind umgerechnet 20 Spielgewinne, also drei Sätze durchgehend nur Asse. Mittlerweile hält Karlovic den ATP-Weltrekord. 10.316 Asse in 541 Matches sind es vor dem Viertelfinalspiel am Freitag in Wien gegen den Letten Ernests Gulbis. Das sind im Schnitt 19 pro Partie. Langweilt das den Aufschläger irgendwann? "Nein. Es fühlt sich immer großartig an, weil es so einfach geht. Ich muss keine langen Ballwechsel spielen", sagt der 36-jährige Kroate im Gespräch mit dem STANDARD.

Wenn der 2,11 Meter große Karlovic auf einem Sessel sitzt, kann er sich mit den Ellbogen bequem auf den Knien abstützen. "In der Schule hatten die anderen Kinder Angst vor mir." Die abschätzigen Blicke kränkten ihn lange, er lernte aber, mit seiner Größe umzugehen. Und löste mit seinem Rekord sein großes Idol Goran Ivanisevic, einen Landsmann, ab. Mittlerweile hat er schon 79 Asse mehr als der Wimbledon-Sieger 2001.

Karlovic hat Schuhgröße 52, für die Rasensaison bekam er vor drei Jahren kein passendes Modell. Er verstauchte sich die Zehen. Mittlerweile liefert ihm eine chinesische Firma Schuhe in Spezialgrößen. Sind die Betten in Hotels zu kurz, stellt er sich einen Sessel dazu oder schläft auf dem Boden.

Als Jugendlicher spielte Karlovic Basketball. Aufgrund seiner Größe dauernd mit Älteren zu trainieren machte ihm keinen Spaß. Aufgewachsen ist Karlovic in Šalata, einem Vorort von Zagreb. Im örtlichen Tennisklub schlich er sich bald Abend für Abend auf die hinteren Plätze und servierte. 200 Aufschläge täglich. Bis es dunkel wurde. "Im Kommunismus hatte niemand viel Geld, aber das staatliche Sportsystem war gut, weil ich gut war und nichts zahlen musste." Mit dem Beginn des Balkankriegs brach alles zusammen.

"Ich hatte keine Trainingspartner, war entweder in der Schule oder im Luftschutzbunker." Karlovic musste sich das Tour-Ticket mit Preisgeldern aus Staatsliga-Spielen in Slowenien, Italien und Deutschland hart verdienen.

Sprachprobleme

Karlovic' Blick schweift immer wieder ab auf den Boden. Als er 2003 in Wimbledon Titelverteidiger Lleyton Hewitt in Runde eins rauswarf, hielten erstmals hunderte Kameras hin auf den Hünen. Er spielt lieber drei Tage pausenlos Tennis, als auf einer Pressekonferenz zu sprechen, sagte Karlovic damals. Mit einem Logopäden bekam er seine Sprachprobleme, so gut es geht, in den Griff. Ein Mann der großen Worte wird er aber nie werden.

Mehr als 90 Prozent seiner Aufschlagspiele gewinnt Karlovic, fast die Hälfte seiner gespielten Sätze enden im Tiebreak. Es ist so, als ob er von einem Baum aus aufschlagen würde, sagte einmal der amerikanische Ex-Profi Todd Martin. Wer seine Aufschläge am besten retourniert? Gegen Roger Federer ist Karlovic in zwölf Partien nur einmal als Sieger vom Platz gegangen. "Gegen ihn ist es schwer. Bei 5:5 im Tiebreak spielt er genau auf die Linie", sagt Karlovic und lacht. Allein mit einem guten Aufschlag sind die Top 20 freilich nicht möglich. Aktuell ist er der älteste Spieler in diesem Kreis seit Jimmy Connors im Jahr 1990. Seit dem damals 37-Jährigen war kein Turniersieger älter als Karlovic heuer in Delray Beach.

Wenn sich Ivo Karlovic die Seele aus dem Leib serviert, schwingt auch Demut mit. Vor zwei Jahre erkrankte er an einer Hirnhautentzündung. Karlovic hatte keine Angst um seine Karriere. Er hatte Angst, dass er am nächsten Morgen nicht mehr aufwachen würde. Das Comeback nach langer Pause gelang. Wie lange er sich noch das Reisen antun will? "Ich muss im Spiel ja nicht laufen. Ich gehe nur. Wenn einer das durchhält, dann wahrscheinlich ich." (Florian Vetter, 22.10.2015)

  • Ivo Karlovic ist bei den Erste Bank Open in Wien als Nummer sieben gesetzt. Der Kroate hat bisher sechs ATP-Titel gewonnen. Sein Aufschlag war dabei durchaus hilfreich.
    foto: epa/yoan valat

    Ivo Karlovic ist bei den Erste Bank Open in Wien als Nummer sieben gesetzt. Der Kroate hat bisher sechs ATP-Titel gewonnen. Sein Aufschlag war dabei durchaus hilfreich.

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