Engle: "Asien hat größtes Finanzmarktrisiko"

22. Oktober 2015, 14:14
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Laut Nobelpreisträger Robert Engle sind die Risiken in China und Europa hoch, aber bewältigbar

Wien – Robert Engle, US-Ökonom und Träger des Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften, warnte am Donnerstag bei einem Vortrag an der Universität Wien vor weiterhin hohen Risiken auf den Finanzmärkten. Besonders bei asiatischen Banken habe es in den vergangenen zehn Jahren eine enorme Ausweitung der Risiken in den Büchern gegeben, so Engle. "Das chinesische Bankensystem ist jenes mit den größten Risiken der Welt."

Es ließe sich aber nicht voraussagen, ob sich diese Risiken je zu einer wirklichen Krise ausweiten könnten. Der chinesische Staat hätte schließlich weitreichende Möglichkeiten, in den staatlich kontrollierten Finanzmarkt einzugreifen. Schon heute seien Kreditausfälle nur deshalb kein größeres Problem als ohnehin, weil die Banken in staatlichem Eigentum die Kredite nicht fällig stellen, falls sie in Probleme geraten. Stattdessen würden sie oft einfach verlängert.

Bewältigbares Risiko

Mittels einer von ihm entwickelten Methode quantifizierte der Nobelpreisträger das globale Risiko aller Banken der Welt in Relation zu deren Vermögen: Drei Billionen Dollar. Das ist überraschend wenig, wie Engle aufzeigt: Allein die Reserven der Chinesischen Zentralbank würden vier Billionen betragen. "China könnte alle Banken der Welt refinanzieren, falls notwendig", so Engle. China, Japan und andere asiatische Länder trügen heute etwa die Hälfte des weltweiten Gesamtrisikos – in den vergangenen zehn Jahren habe sich das Risiko in der Region vervielfacht.

In Europa sind es laut Engle die französischen Banken, die sich aktuell am weitesten aus dem Fenster lehnen: "Vor allem Frankreich ist nach wie vor verletzlich". Zwar hätten im Verhältnis zur Marktgröße die griechischen Banken das höchste Risiko in den Büchern, diese seien aber aufgrund des international geringen Volumens keine systemische Gefahr. Relativ zur Bevölkerung haben die französichen Banken das größte Risiko in den Büchern, gefolgt von Japan, Griechenland und Großbritannien. Deutsche und österreichische Institute hätten ihr Risiko seit 2012 – dem Höhepunkt der Europäischen Schuldenkrise – deutlich reduziert: In Österreich sei es in dieser Zeit von 25 Milliarden Dollar auf rund zehn Milliarden züruckgegangen.

Risiko ist voraussehbar

Die größte Gefahr für die globalen Finanzmärkte birgt laut Engle das geringe Wachstum. Er warnte auch davor, zu viel Energie in die Bewältigung der vergangenen Krise anstatt in die Verhinderung der nächsten zu stecken. Nur eine starke Regulierung könne verhindern, dass Finanzunternehmen systemrelevante Größe erreichen und daher im Falle einer Schieflage mit Steuergeld gerettet werden müssen.

Engles Einschätzugen basieren auf einer von ihm entwickelte Methode, mit der errechnet werden kann, wie viel Kapital Banken im Falle einer weiteren Finanzkrise aufbringen müssten. Die Methode ist verwandt mit den Stresstests, mit denen europäische und US-amerikanische Aufsichtsbehörden Banken überprüfen. Sie ist aber nicht auf Prüfungen innerhalb der Bank angewiesen, sondern fußt auf öffentlich zugänglichen Bilanzdaten. Engles Kernaussage: Finanzielles Risiko ist voraussehbar. Seine Methode hätte demnach auch die wachsenden Risiken der von der Finanzmarktkrise am schwersten betroffenen US-Banken aufgezeigt – schon vor Ausbruch der Krise in den Jahren 2007/2008.

Auszeichnung verliehen

Der an der New York University forschende Engle trug maßgeblich zur Entwicklung von Methoden zur Analyse wirtschaftlicher Zeitreihen bei. Diese gehören heute zum Standardwerkzeug von Wirtschaftsforschern und Finanzanalysten und flossen auch in die Erstellung der Kapitalvorschriften für Banken ein. Für seine sogenannten "Arch"-Modelle wurde Engle 2003 gemeinsam mit Clive Granger mit dem Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet.

Anlass des Wien-Besuchs war die Verleihung der Oskar Morgenstern-Medaille an Engle. Die Medaille wurde von der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Uni Wien erstmals 2013 in Erinnerung an den in Österreich geborenen Ökonomen Oskar Morgenstern (1902-1977) verliehen, der neben John von Neumann als Mitbegründer der Spieltheorie gilt. (Simon Moser, 22.10.2015)

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