Gold in schwarzen Scheiben

22. Oktober 2015, 15:39
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Das Sammeln von Schallplatten kann eine runde Sache sein, mit der sich durchaus Geld verdienen lässt

Wien – Männer lieben runde Formen. Fußbälle zum Beispiel. Oder Schallplatten. Jene runden, schwarzen Scheiben aus Vinyl, mit einem Mittelloch und Rillen, von denen ihre Liebhaber schwärmen, dass sie der beste Tonträger aller Zeiten sind. Oder haben Sie jetzt vielleicht an etwas anderes gedacht? Jedenfalls, wo immer es Schallplatten zu kaufen gibt, ob in einschlägigen Geschäften oder auf Flohmärkten, sind es überwiegend Männer, die hingebungsvoll Hülle um Hülle durch ihre Finger gleiten lassen, auf der Suche nach der einen, der besonderen Platte, die sie, aus welchen Gründen auch immer, in Verzückung setzt.

Anfang der 1990er-Jahre (von der CD-Industrie) totgesagt, ist die Nachfrage nach Vinylschallplatten heute wieder quietschlebendig. Vor allem junge Menschen kaufen sich ihre Musikfavoriten wieder in gepresster Form. Als Sylvia Voller-Benedikt mit ihrem Mann Andreas vor gut zehn Jahren ihren Laden Recordbag in Wien-Mariahilf aufsperrte, kamen auf eine verkaufte Platte fünf verkaufte CDs, heute ist es umgekehrt.

Retro-Sound

Die Musiklabels bedienen den Wunsch nach Retro-Sound scheibenweise in hohen Stückzahlen, der höhere Preis wird mit Downloadcode und/oder zusätzlicher CD versüßt. "Es ist halt ein prickelndes Erlebnis, wenn man eine Platte vorsichtig aus der Hülle nimmt und das erste Mal auflegt", beschreibt Voller den Reiz des analogen Tonträgers. Und viele, die damit einmal angefangen haben, können nicht erklären, warum sie mit dem Sammeln nicht mehr aufhören mögen – oder können. "Ich selbst bin ein großer David-Bowie-Fan und platzmäßig eigentlich am Limit", sagt sie, "doch lege ich mir dasselbe Album noch mal zu, wenn es ein anderes Cover ziert. Es sind halt alle kleine Gesamtkunstwerke."

Bei manchen Leuten geht die Liebe zur Vinylscheibe so weit, dass sie bereit sind, richtig viel Kohle dafür auszugeben. Den bisherigen Rekord von 300.000 Dollar (rund 265.000 Euro) spielte im Jänner dieses Jahres die erste Platte von Elvis Presley ein, die bei einer Versteigerung diverser Memorabilien des Rock-'n'-Roll-Stars im Graceland-Museum unter den Hammer kam. Der hüftschwingende Musiker habe sie 1953 als Geschenk für seine Mutter aufgenommen, teilten die Organisatoren mit. Die Familie habe damals aber keinen Plattenspieler besessen.

150.000 Dollar für Lennon-LP

Bis dahin galt die LP "Double Fantasy" von John Lennon und Yoko Ono aus dem Besitz von Mark Chapman, der den Ex-Beatle ermordete und zuvor diese Schallplatte noch von ihm signieren ließ, als teuerstes Stück. Sie wurde 1999 bei einer Auktion für 150.000 Dollar an einen unbekannten Bieter verkauft.

"Es ist bei Schallplatten wie bei anderen Dingen auch: Die Nachfrage bestimmt den Preis", weiß Jean Marc Teuchtler von Wiens wohl traditionsreichstem Secondhandplattenladen. "Besitze ich eine Scheibe, die zwar selten sein mag, aber niemand interessiert, wird sie niemand kaufen."

Fundgrube für Sammler

Seit 1948 versteht die Familie Teuchtler in nunmehr dritter Generation ihr Geschäft als "Fundgrube für Sammler". Die meisten eingefleischten Sammler sind an Erstpressungen interessiert, berichtet er. Für diese können denn auch oft hohe Erlöse erzielt werden. Das Erkennen von Originalpressungen gilt aber selbst unter Fachleuten als Wissenschaft für sich. Bei manchen Labels kann man die Bestellnummer als Anhaltspunkt heranziehen, bei anderen muss man auf die Matrizennummer achten oder erhält Aufschluss über die Labelumbrüche. Nur jahrelange Beobachtungen des Marktes führen da zu einer Art von Erkenntnis.

"Wichtig ist auf jeden Fall der Zustand der Platte und des Covers", betont Teuchtler. Je tadelloser, optisch und akustisch, umso mehr Geld kostet oder bringt das gute Stück. Die Bezeichnung "Mint" gilt dabei nach den international anerkannten Oldie-Qualitätsstufen als Topbewertung. Platten mit der nächsten darunterliegenden Stufe "Very good" sind gleich um ein Viertel weniger wertvoll.

Preisvergleich

Um ein Gefühl für Preise und Wertsteigerungen zu gewinnen, kommt man nicht umhin, einschlägige Kataloge zu studieren, wie sie etwa auf Plattformen wie plattensammeln.de angeboten werden. Einen interessanten Einblick in die Preisentwicklung von auf Ebay versteigerten Scheiben gewährt die Seite popsike.com. Ratings der Nutzer geben darüber hinaus Aufschluss, ob der erzielte Preis ein guter Deal für den Verkäufer oder den Käufer war. Den realistischen Marktwert einer Schallplatte zu bestimmen ist in Abgrenzung zum ideellen Wert, der eben sehr individuell ist, generell aber nicht einfach.

Das erfolgreiche Sammeln von Schallplatten kann mit Extremsport gleichgesetzt werden, eine Herausforderung zwischen Nervenkitzel und Wertorientierung. Wer es nicht ganz so sportlich braucht, aber doch einmal ein Gefühl von Sammelleidenschaft erspüren möchte, sollte es mit Schlangestehen probieren – am Record Store Day. Jährlich am dritten Samstag im April werden im Fachhandel eigens für diesen Tag produzierte Singles in limitierter Auflage verkauft. "Da sind wirkliche Schmankerln dabei", verrät Voller-Benedikt. Schon am Tag danach schnellen die Preise dafür in Internetplattformen in die Höhe. "Da werden für 13,90 Euro gekaufte Scheiben dann mitunter für 50 und mehr Euro angeboten", hat die Recordbag-Inhaberin beobachtet.

Die Jagd als Sucht

Für manche wird die Jagd nach Vinyltonträgern allerdings zur veritablen Sucht. Wie etwa für den Brasilianer Zero Freitas. Der 63-jährige Busunternehmer besitzt wohl die größte Sammlung der Welt, die er über Jahrzehnte ohne System zusammengetragen hat. Über den Daumen gepeilt, sollen es derzeit fünf Millionen Stück sein. Warum er wie verrückt sammelt, das hat er nach eigenen Worten in vier Jahrzehnten Psychotherapie herauszufinden versucht. Vergeblich.

Um vielleicht doch seine innere Ruhe zu finden, lässt er seit ein paar Jahren von einem Dutzend Studenten eine Datenbank mit Interpreten, Titeln, Jahreszahlen, Plattenfirmen oder Coverfotos seiner Sammelstücke erstellen, um sie als eine Art Bibliothek mit dem Rest der Welt teilen zu können. An guten Tagen schaffen Freitas' Helferlein einem "Tagesspiegel"-Bericht zufolge 500 Platten. Bleibt es bei dem Rhythmus, wird es noch ein Vierteljahrhundert dauern, bis alles verzeichnet ist. (Karin Tzschentke, 22.10.2015)

  • Für Käufer wie Verkäufer gilt: Der Wert einer Schallplatte ist immer der Preis, den man am Ende auch wirklich realisieren kann.
    christian fischer

    Für Käufer wie Verkäufer gilt: Der Wert einer Schallplatte ist immer der Preis, den man am Ende auch wirklich realisieren kann.

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