Flüchtlinge im Libanon: Langsam geht die Luft aus

Reportage22. Oktober 2015, 05:33
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Ein Land, kleiner als Oberösterreich, bietet mehr als einer Million Flüchtlingen Obhut. Wer kann, macht sich auf den Weg nach Europa

Ein fleckiger Vorhang überspannt die Betonziegelwand des Wohnzimmers, das zugleich Schlafzimmer, Kinderzimmer und Küche ist. Bosaina sitzt im Schneidersitz auf dem Kunststoffteppich, gießt Kaffee in die Tassen und reicht sie ihrem Cousin Walid. Es ist ein guter, weil trockener Tag: Nur Kinderschreien dringt durch die Maueröffnungen, kein Regen. "Im Winter wird hier alles nass", erzählt die 39-Jährige, "wir schlafen dann in feuchten Tüchern." Walid nippt Kaffee und zieht an der Zigarette. "Willkommen im Jahr 2015", sagt er, "willkommen im Zeitalter der Kriege und des Terrorismus."

foto: maria sterkl
Wohnen im Rohbau: 900 Flüchtlinge leben im Gebäude am Stadtrand von Sidon.

Eigentlich ist Walid Grundbesitzer und Landwirt, auch Bosaina ist Bäurin. In Syrien hatten sie alles: Vieh und Acker, Weingärten, Häuser. Als der syrische Machthaber Bashar Al-Assad begann, Bomben über Walids Heimatbezirk Hama abzuwerfen, nützte das alles nichts. Seither sind sie Flüchtlinge, die Kühe sind tot, die Bauernhöfe Geröll. Nun leben sie in einem Haus ohne Fenster am Rande Sidons südlich von Beirut, und warten darauf, dass das Leben irgendwann wieder weitergeht.

Das Schlamassel eines Bauherrn war ihr Glück. Sie fanden in einem Rohbau Unterschlupf, der als theologische Hochschule geplant war, bis dem Investor das Geld ausging. In dem Stahlbetongerippe am Stadtrand hausen nun 900 Flüchtlinge.

37 Cent pro Kopf hat Bosaina jeden Tag zur Verfügung, um drei Kinder und die Schwiegermutter zu ernähren. Ein Liter Milch kostet 1,50 Euro. Medikamente, Bustickets, der Schulbesuch der Kinder – unleistbare Luxusgüter. Auch für Schwangerschaftsuntersuchungen hat Bosaina, die in zwei Monaten entbinden soll, kein Geld.

Gründe für den Exodus

"Warum sind so viele in den letzten Monaten nach Europa gegangen?" Es ist eine rhetorische Frage, die Walid stellt.

Oft reicht ein Blick ins Gesicht eines Menschen, um zu wissen, warum niemand hier bleiben will. Radwan, der mit seiner Familie in einer Baracke außerhalb von Tripoli wohnt, sieht aus, als wäre er 60. Er ist 43 Jahre alt und Vater eines Kleinkindes und eines Säuglings. Nach der Ankunft lebten sie "im Schnee", wie er erzählt. Acht Monate im Zelt, dagegen nimmt sich die Ein-Zimmer-Baracke, in der sie heute leben, wie Luxus aus. Aber auch hier: kein Trinkwasser, keine Heizung. Wird es kalt, rollt Radwan ein Fass ins Zimmer und zündet gesammeltes Holz darin an. Daneben schläft das Baby.

Vor drei Monaten hat die 41-jährige Bija ihren zweiten Sohn per Kaiserschnitt geboren. Die Nähte im Bauch beginnen langsam zu schmerzen. Sie entfernen zu lassen kostet 20 Dollar – ein Tag in der Granatapfelernte bringt Radwan 15 Dollar ein.

foto: maria sterkl
Wenn es kalt ist, rollt er das Fass ins Zimmer: Radwan S.

Heute am Feld, morgen auf der Baustelle, dann tagelang kein Einkommen – da Flüchtlinge im Libanon nicht arbeiten dürfen, bleiben nur tageweise Gelegenheitsjobs. Sauberes Wasser, Zäpfchen und Babymilchpulver wollen trotzdem bezahlt werden.

In europäischen Medien war es eine Randnotiz: Hilfsorganisationen gehe das Geld aus, titelten sie im September 2014. Ein Jahr später ist der regionale Hilfsplan nur zu 41 Prozent finanziert. Was abstrakt klingt, äußert sich bei den Flüchtlingen in Magenknurren, Frieren, Schmerzen. "Langsam sterben" nennt es Bosaina. Dann lieber gleich das Leben im Boot riskieren, sagt sie. Ihr Mann hat es nach Deutschland geschafft. Die Hoffnung, dass sein Asylbescheid früher kommt als das Baby, hat sie aufgegeben.

Nichts wie weg – das sagen hier fast alle. Kaum jemand würde nicht sein Leben aufs Spiel setzen, um wegzukommen. Nach Jahren im Exil geht vielen die Luft, aber auch das Geld aus: Überhöhte Mieten für Substandardwohnungen nagen am Ersparten, für den Schlepper bleibt nichts mehr. Der libanesische Staat tut wenig, um die Schwächsten zu unterstützen. "Er ist ja selber schwach", halbscherzt Ibrahim Hawi, Regionalleiter von Care. Die kriegsgebeutelte Nation hat die dritthöchste Staatsschuldenquote der Welt. Dass der Strom ausfällt und der Müll liegenbleibt, ist selbstverständlich, sauberes Wasser ist es nicht.

Die Hilfsorganisation Care sorgt in den Baracken für das Nötigste: Freiwillige geben den Familien Tipps, wie sie sich vor Läusen, Krätze und Infektionen schützen können. Die NGO beauftragt Handwerker aus der Umgebung, um Dächer wasserdicht zu machen und Brunnen zu bauen. Das schafft Jobs und hilft allen, auch den Libanesen. Rund 2000 Baracken brauchen dringend Hilfe, das Geld reicht nur für 500.

80 Prozent Flüchtlinge

Die Stimmung im Land ist gespannt. Libanon ist kleiner als Oberösterreich, aber fast fünfmal so dicht besiedelt. Massive Wohnblocks drängen sich an den Hängen aneinander. Wer vor zehn Jahren erzählt hätte, dass sich in dem 4,5 Millionen-Einwohner-Land einst über eine Million syrischer Flüchtlinge ansiedeln würde, wäre ausgelacht worden. Heute ist jeder Fünfte, der im Libanon lebt, ein Flüchtling. In manchen Regionen liegt der Anteil der Syrer bei 80 Prozent.

Als die Spannungen zunahmen, änderte die Regierung die Einwanderungsregeln. Jeder Flüchtling erhält nun ein befristetes Visum, dessen Verlängerung 200 Dollar pro Jahr kostet. Die grüne Grenze wird schärfer überwacht, hereingelassen werden offiziell "nur humanitäre Fälle". Das bedeutet: eine kleine Minderheit. Seit April sinken die Flüchtlingszahlen. Die vielen, die sich in Richtung Europa aufmachten, wurden durch Neuzugänge aus Syrien nicht mehr ausgeglichen (siehe Grafik unten).

Sollte die EU wie angekündigt ihre Außengrenzen noch dichter machen, stünde der Libanon vor dem Kollaps, heißt es hier. Die einzige Lösung wäre ein groß angelegtes Resettlement – also das gezielte Ansiedeln syrischer Flüchtlinge in Europa. Doch diese Hoffnung haben die meisten aufgegeben.

"Es gibt in Europa doch keinen, der Bilder von unserem Elend noch nicht kennt", sagt Radwan. "Aber die Frage ist: Interessiert es jemanden?" (Maria Sterkl, 22.10.2015)

grafik: standard

Die Reise erfolgte teilweise auf Einladung von Care.

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