Erzählen von der Nebensaison: Wartezeit und Zeit der Wartung

Ansichtssache28. Oktober 2015, 05:30
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Fünf Menschen, die an einem See in Österreich arbeiten, erzählen von der Nebensaison

foto: peter schlager

Der Kitelehrer

"Von einer Nachsaison kann überhaupt keine Rede sein – jetzt geht hier gar nix mehr. Mitte Oktober hat die Kiteschule in Podersdorf längst zu. Wir fliegen dann weg und geben anderswo Kurse, bis die Saison am Neusiedler See wieder beginnt – das ist meist Mitte April der Fall. Im Winter können wir bei Schnee an Land kiten, und – wenn er gefroren ist – auch wieder zurück auf den See. Das machen wir halt privat und nicht mit der Schule.

Gerade komme ich aus Sizilien zurück, wir waren in der Nähe von Trapani. Dort sind die Bedingungen für einen Kitelehrer ideal: Es gibt viele ruhige Lagunen mit flachem Wasser, perfekt für Anfänger. Und die Atmosphäre stimmt einfach – super Essen und schöne Landschaft. Sehr beliebt ist unter Kitesurfern auch Ägypten: Derzeit haben die ja ein tolles Preis-Leistungs-Verhältnis. Aber die Königsklasse unter den Kite-Reisezielen ist für mich Brasilien – da fährt man halt nicht mit Anfängern hin.

Das klingt vielleicht so, als wäre ich ständig nur unterwegs. Aber in diesem Moment erreichen Sie mich in unserem Shop am Neusiedler See. Um diese Jahreszeit verkaufen wir auch das Material aus der vergangenen Saison – das bedeutet, viel herumzusitzen und Buchhaltung zu machen." (saum)

Patrick Adler (33) ist Stationsleiter und Kitesurflehrer bei kitesurfing.at in Podersdorf am Neusiedler See.

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foto: peter schlager

Die Badbetreiberin

"Mühsam ist es schon, sich für den Winter immer wieder einen neuen Job suchen zu müssen. Im Alter wird das nicht leichter. Aber während des Sommers – im größten Stress – freu' ich mich schon auf die Ruhe. Ich arbeite sieben Tage die Woche durch – muss ich ja. Da bleibt nicht mal Zeit, Freunde zu treffen – außer sie kommen mich im Bad besuchen.

In diesem heißen Sommer war besonders viel los. Das Bad hat ab neun Uhr geöffnet, und wir sind bis halb zehn am Abend im Einsatz. Ich gehe einkaufen, helfe im Service, putze – ich mache alles, was gemacht werden muss, und ich springe ein, wo Not am Mann ist. Das ist sehr kräftezehrend. Geöffnet haben wir ab Mai bis Ende September, wobei das wetterabhängig ist.

In meinem Lehrberuf bin ich Masseurin, noch eine Selbstständigkeit aufzubauen, wäre mein Ziel. Ich hätte gerne ein fixes zweites Standbein.

Der Rhythmus der Saisonarbeit hat Vor- und Nachteile. Vom Sommer ist man es gewöhnt, ständig unter Leuten zu sein. Man kennt Stress. In der Nachsaison muss ich mich deshalb immer erst an die Ruhe gewöhnen. Das dauert. Aber jetzt habe ich endlich Zeit für mich und um Freundschaften zu pflegen. Einfach mal Zeit zum Leben." (katr)

Bernadetta Stöckl (46) ist Betreiberin des Seebads Schönauer in Schörfling am Attersee.

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foto: peter schlager

Der Kapitän

"Im Sommer ist St. Wolfgang ausgebucht, und unsere Schiffe sind komplett ausgelastet. Auch der Wolfgangsee ist total voll. Je höher die Temperaturen, desto mehr Schwimmer, Segler, Kitesurfer und mittlerweile auch Stand-up-Paddler haben wir dann im Wasser. Da ist ordentlich was los!

Als Kapitän muss man sein Schiff dann mit 150 Prozent Achtsamkeit lenken. Das ist sehr, sehr anstrengend. Im Oktober ist endlich weniger Verkehr auf dem See – und die Schwimmer fallen logischerweise komplett weg. Alles ist sehr viel entspannter. Jetzt kann ich mich zurücklehnen, selber auch einmal aufs Wasser schauen – den See genießen.

In der Zeit, in der gar kein Schifffahrtsbetrieb stattfindet, wird die Büroarbeit vom ganzen Jahr abgearbeitet. Da bleibt einiges liegen – leider. Faul sein kann ich in der Nachsaison nie.

Früher war ich Fahrdienstleiter bei der ÖBB und habe Lokführer ausgebildet. Im Jahr 2006 fing ich bei der Schafbergbahn und Wolfgangseeschifffahrt in der Budgetplanung und Personalverwaltung an. Kapitänsausbildung hatte ich keine – die musste ich in meiner ersten Saison hier nachholen. Ich springe ein, wenn Not am Mann ist – im Juli und August bin ich besonders gefragt. Aber ich mach' das gerne." (katr)

Mario Mischelin (45) ist Dienststellenleiter der Schafbergbahn und Betriebsleiter der Wolfgangseeschifffahrt.

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foto: peter schlager

Die Wasserskilehrerin

"Mein Mann Dieter und ich sind seit 20 Jahren begeisterte Wasserskifahrer. Wir fuhren am Anfang so oft, dass uns das irgendwann zu teuer wurde – also packten wir vor 17 Jahren eine seltene Gelegenheit beim Schopf und kauften einfach die Wasserskischule in Velden.

Unsere Saison dauert meistens von April bis September. Wir starten praktisch immer – wie könnte es am Wörthersee auch anders sein -, wenn das GTI-Treffen stattfindet. Jetzt im Oktober kann man zwar keine Kunden mehr dazu bewegen, das Wasserskifahren zu lernen – aber für uns privat würd' ich das gar nicht als Nebensaison bezeichnen: Wir fahren in diesen Tagen, sooft es geht. Das Wasser ist ja noch warm, es gibt sogar Leute, die jetzt gern schwimmen gehen. Einen Neoprenanzug trag' ich sowieso immer – aber nicht wegen der Temperaturen, sondern wegen der Verletzungsgefahr.

Die Nachsaison bringt Arbeiten wie das Warten der Boote mit sich – das ist ziemlich aufwendig. Wir haben zwei Motorboote und eins mit Elektroantrieb, um die sich allein mein Mann kümmert. Sind sie erst einmal instand gesetzt, müssen sie noch in eine Halle nach Villach transportiert werden. Dort überwintern die Boote.

Wir genießen es aber auch, dass die Tage am See jetzt so ruhig sind. Es gibt keine schönere Zeit als den Herbst, um am Wörthersee spazieren zu gehen. Im November ist es für meinen Mann dann ganz vorbei mit der Ruhe. Er verbringt seit Jahren den gesamten Monat in Griechenland, erntet Oliven und steht an der Presse. Wir verkaufen das fertige Olivenöl aus Kalamata dann hier in Kärnten ab Hof – mittlerweile sind es 5000 Liter." (saum)

Katharina Mulle (47) betreibt mit ihrem Mann Dieter eine Wasserskischule in Velden am Wörthersee.

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foto: peter schlager

Die Ballonpilotin

"Von wegen Nebensaison – wir sind mitten im goldenen Herbst. Wenn der so wird wie in den letzten drei Jahren, ist das Ballonfahren noch im November ein Traum: die Sicht klar, das Wetter stabil und angenehm mild. Im Sommer ist es mir oft einfach zu heiß. Ich habe den Pilotenschein nun seit 25 Jahren, 1600 Fahrten hinter mir und kann Ihnen sagen: Was für mich die Nebensaison ist, halten die meisten Passagiere irrtümlich für die Hauptsaison – alle wollen im Sommer fahren, auch wenn es dann trüb ist und man gar nicht so gut sieht.

Ich fahre das ganze Jahr über und denke wahrscheinlich gar nicht so in Saisonen. Entscheidender ist die aktuelle Wetterlage, bei dichtem Nebel geht zum Beispiel gar nix. Aber wir haben hier echt Glück an den Salzburger Seen – der Nebel bleibt oft in Oberösterreich hängen, weil ihn ein stetiger Talwind im Salzachtal zurückschiebt.

Meine Routine erlaubt es mir, mittlerweile selber die Landschaft beim Fahren zu genießen. Und so schnell sind wir ja auch nicht unterwegs. Ich liebe es, jetzt um diese Jahreszeit in 2000 Metern Höhe über die drei Trumer Seen zu gleiten und auf den Ort Mattsee hinunterzuschauen. Er ist organisch gewachsen und kann gar nicht mehr größer werden, weil er auf zwei Seiten von Seen begrenzt wird. Das hat man selten wo.

Was die Zutaten für eine perfekte Fahrt im Oktober sind? Das kann ich Ihnen sagen: Ich gehe so tief wie möglich über einem Wald runter und fahre ihn ab. Die Baumkronen leuchten jetzt in allen Farben – das hat nicht nur mit dem bunten Laub zu tun, sondern auch mit dem sanften Licht in dieser Jahreszeit." (saum)

Heidrun Prosch (51) ist Ballonpilotin bei flyhigh.at in Salzburg und hält den Damen-Höhenweltrekord im Heißluftballonfahren (10.773 m).

(RONDO, 23.10.2105)

"Off Season": Ein Hoch auf die Nebensaison

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