Denkmalschutz zwischen Theorie und Praxis

21. Oktober 2015, 17:37
8 Postings

Bundesdenkmalamt interessiert sich für ein Altarbild aus dem Besitz der Erste Group

Wien – Dienstagabend gelangte im Dorotheum ein dreiteiliges Altarbild von Pieter Coecke van Aelst (1502-1550) zur Versteigerung. Es stammt aus dem Fundus der Erste Group, die sich von Kunstwerken im Inventar trennt, wie Konzernsprecher Michael Mauritz bestätigt. Der Erlös soll in die "Kontakt"-Sammlung fließen. Sechs Interessenten trieben den Wert über die Erwartungen bis zu 450.000 Euro (exkl. Aufgeld), die ein belgischer Telefonbieter bewilligte.

Die Erste Group darf sich jedoch nur theoretisch über diesen Betrag freuen, denn in der Praxis wurde das Bundesdenkmalamt aktiv und der Zuschlag nur unter Vorbehalt erteilt. Laut Katalogangaben war das Triptychon einst im Schloss Hernstein, 1856-1880 von Theophil Hansen erbaut, beheimatet. Zu den Vorbesitzern gehörten die österreichischen Erzherzöge Leopold Salvator und Leopold Wilhelm, wie das Kunsthistorische Museum das Dorotheum wissen ließ.

Denkmalschutz seit 1943

Das Problem: Schloss Hernstein steht seit 1943 unter Denkmalschutz. Laut dem Bescheid war "die gesamte Inneneinrichtung" als "unteilbares Ganzes" bereits seit 1940 "in das Verzeichnis der national wertvollen Kunstwerke" eingetragen. Zu den genannten Exponaten gehörte "ein bemerkenswerter gemalter Flügelaltar" in der Kapelle. Dass es sich dabei um das Triptychon handelt, ist erwiesen.

Wie es in den Besitz der Erste Group gelangte? 1955 hatte die Erste Österreichische Spar-Casse das devastierte Schloss erworben und teils renoviert. 1963 verkaufte man die Liegenschaft an die Wirtschaftskammer Wien, behielt jedoch das Altarbild.

Ob das Bundesdenkmalamt (BDA) informiert wurde, wird derzeit ermittelt. Wohl auch, ob andere Kulturgüter verloren gingen, etwa die im Bescheid genannte "Bücherei und eine Geweihsammlung". Letztere landete dem Vernehmen nach im Schlossteich, die Bibliothek zur Topografie Niederösterreichs wurde wiederum 1955 im Dorotheum versteigert.

Mitte der 1990er-Jahre ließ die Wirtschaftskammer von einem akademischen Maler eine Kopie des Altarbildes für die Kapelle anfertigen: Professor Jakob Anton Bucher benötigte dafür etwa ein halbes Jahr und wurde mit 150.000 Schilling entlohnt. Das Original hing derweilen in der Erste-Generaldirektion und diente bei offiziellen Fototerminen schon mal als prachtvoller Hintergrund.

1999 Ausfuhrgenehmigung als "Aldegrever"

1999 scheiterte ein Verkauf via Sotheby's London. "Ja, damals lag eine Ausfuhrgenehmigung vor", bestätigt BDA-Präsidentin Barbara Neubauer. Jedoch habe man keine Kenntnis zur Provenienz und damit dem aufrechten Denkmalschutz gehabt. Sotheby's, damals unter der Leitung von Agnes Husslein, erklärt, keine Akten mehr zu dem Vorgang zu besitzen. Laut Neubauer sei die Genehmigung für ein Werk von Heinrich Aldegrever erteilt worden. Eine alte Zuschreibung, die Sotheby's 1999 auf Coecke van Aelst revidierte.

Ob das BDA, um etwaige Versäumnisse in der Vergangenheit zu kaschieren, die Ausfuhr zu bewilligen gedenkt? "Nein, wir kaschieren nichts, was es hat, das hat es", betont Neubauer. Einen Ausfuhrantrag vorausgesetzt, werde die Entscheidung innerhalb des üblichen rechtlichen Rahmens getroffen. (Olga Kronsteiner, 21.10.2015)

  • Pieter Coecke van Aelsts Triptychon zierte bis 1963 die Kapelle von Schloss Hernstein, das seit 1943 unter Denkmalschutz steht.
    foto: dorotheum

    Pieter Coecke van Aelsts Triptychon zierte bis 1963 die Kapelle von Schloss Hernstein, das seit 1943 unter Denkmalschutz steht.

Share if you care.