Hans Bischoffshausen: "Ich treibe die Askese des Weiß bis zum Ende"

21. Oktober 2015, 17:17
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In der Orangerie im Unteren Belvedere wird der österreichische Zero-Künstler Hans Bischoffshausen (1927–1987) mit einer Ausstellung gewürdigt. Späte Anerkennung für einen großen Außenseiter der Kunstszene

Wien – Zu reduziert, zu konzeptuell, zu monochrom, zu kühl, zu puristisch: Österreich, dieses farbberauschte, barockeske Malereiliebhaberland, wusste mit Hans Bischoffshausen weit über seinen Tod hinaus nichts anzufangen. Dabei wäre er in einem Atemzug mit den Stars der internationalen Zero-Avantgarde zu nennen – und auszustellen – gewesen. Doch nachdem Hans Bischoffshausen 1972 von Paris in seine Kärntner Heimat zurückkehrte, gab es ein, zwei Museumsausstellungen, ein paar Ausstellungsbeteiligungen – und vor allem die Klagenfurter Galerie Hildebrand, die sich um ihn und seine internationalen Zero-Kollegen verdient machte. Ansonsten aber schwieg ihn die österreichische Kunstszene buchstäblich tot.

1987 starb Hans Bischoffshausen, verbittert, einsam, enttäuscht, noch nicht einmal sechzig Jahre alt. Er hatte sich der Welt endgültig entzogen, von der er sich so schmerzlich missverstanden und missachtet gefühlt hatte.

Einige Monate vor seinem Tod besuchte ich ihn in seinem Atelier im Haus der künstlerischen Begegnung, einer ehemaligen Schule im Villacher Stadtteil St. Martin. Diese Vorbesprechung für ein geplantes, aber wegen seines Todes nie realisiertes Fernsehporträt war überwältigend – und bestürzend. Je mehr Bischoffshausen erzählte und hervorkramte – Tagebuchaufzeichnungen; Briefe an seine Frau und seine kleinen Töchter; frühe Arbeiten, Fotos aus Italien und Paris, die ihn und seine Familie in allerbitterster Armut einerseits, mit seinen berühmten Künstlerkollegen andererseits zeigten -, umso frustrierter wurde er. Er trank viel und schnell.

Giftige Lackfarben hatten ihn fast blind gemacht, eine fortschreitende Sehnervzerstörung beeinträchtigte und beeinflusste seine Arbeit. Blind; Blinder Prophet; Blinder Seher oder Zwei Blinde im Gespräch heißen die im letzten Lebensjahrzehnt entstandenen Collagen und Papierarbeiten. Er zerrte frühe Arbeiten hervor, zarte, spielerische Zeichnungen; die an Braille-Schrift erinnernden Reis-Schütt-Bilder; die aufs Minimalste reduzierten weißen Farbreliefs; brandvernarbtes, mit Zellzement bearbeitetes Sperrholz; zerrissene und angekokelte Bücher auf Hartfaserplatten (Kann nicht mehr lesen); die wütend auf Papier geklatschten Spielkarten, die er mit weißer Farbe malträtiert und markiert hatte. Wie kann man Bilder lesen? Wie die Kunst sehen?

Beginn der modernen Malerei

Mehr als Zero nennt sich nun die (längst fällige) Ausstellung in der Orangerie im Unteren Belvedere, nicht sehr groß, aber Welt! Briefe, Zeitungsausschnitte, Folder, Ausstellungsbesprechungen, Fotos – die meisten aus dem Archiv des Galeristenpaares Heide und Ernst Hildebrand – sind erhellende Zeitdokumente. Klug konfrontiert Kurator Harald Krejci Bischoffshausen mit den Werken seiner weltberühmten Freunde und Künstlerkollegen. Neben Fontana und Manzoni etwa auch Otto Piene, Bernard Aubertin, Jan Schoonhoven, Antoni Tàpies, Oskar Holweck, Yves Klein. Sie bilden den internationalen Referenzrahmen, den weltläufigen Kontext für diesen großen Außenseiter und Grenzüberschreiter der österreichischen Kunst.

Bischoffshausen, 1927 im kärntnerischen Feld am See geboren, studierte zunächst fünf Semester Architektur; über den Umweg von Kunst am Bau begann, was er später "Sturz in die Malerei" nennen sollte. Er stellte in der Galerie nächst St. Stephan aus, doch Wien wurde bald zu eng. Er bereiste Italien, lebte mit seiner Familie in Frankreich, wo er 1968 der kommunistischen Partei beitrat.

Er schuf Materialschlachten mit Papier, Blech, Gips, Asche oder Asphalt. Immer wieder Kreuze aus Sperrholz, weiß gelackt, gelocht, gebrannt: "Marx, Engels, Jesus, Helene, Mao lieben mich", schrieb er in das Bild Kreuz-Perlen-Kette, Brandlöcher, wie schwarze Perlen aneinandergereiht. Zeit und Raum beschäftigten ihn, Rhythmus, Farbe, Form, Material, Struktur – und die Stille. "Ein Galerietrottel sagte zu mir: Was wollen Sie? Was Sie machen, ist das Ende der Malerei", schrieb er in einem Brief an seine Schwiegereltern. "Sie irren sich, habe ich geantwortet, hier beginnt die moderne Malerei überhaupt erst." Monochromie sei eine Erscheinungsform des Lichtes, die gemeinsam mit Energie und Materie eine Einheit bildete.

Über seine weiß-weißen Energiefelder (wie das selten ausgestellte, mehr als sechs Meter lange Relief) meinte er: "Ich treibe die Askese des Weiß bis zum Ende."

Lang nach seinem Tod erzielte eines seiner Bilder bei einer Auktion einen geradezu sensationell hohen Preis, seine Witwe rief beglückt an: Endlich, wie schön, ach, hätte er es noch erlebt! Helene Bischoffshausen-Neurode erlebte die museale Würdigung ihres Mannes nicht mehr. Sein "allerliebstes Meinele" starb am Tag der Eröffnung. (Andrea Schurian, 21.10.2015)

Bis 14. 2.

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Belvedere

  • Hans Bischoffshausen: "Schrift zur Erhellung der Magie" (1958,  Öl und Zellzement auf Sperrholz): Wie kann Kunst gesehen, ein Bild gelesen werden?
    foto: foto: ferdinand neumüller, bildrecht, wien, 2015; privatsammlung, klagenfurt

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