Dornbirn: Roma-Lager an Bahnstrecke geräumt

Reportage21. Oktober 2015, 19:19
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Die ÖBB fürchtete um die Sicherheit und ließ das Lager aus selbstgebastelten Zelten räumen. Dort lebten seit vier Monaten bettelnde Roma-Familien

Dornbirn – Als am Mittwochmorgen die ÖBB schweres Gerät zum Fällen der Bäume und Roden der Büsche anrollen ließ, war die Verzweiflung groß. "Wo sollen wir hin, wer hat ein Haus für uns?" Vier Monate habe man hier gewohnt, sagt einer der rumänischen Männer, "die Polizei weiß das, niemand hat gesagt, dass wir wegmüssen". Monika Spiss von der Plattform für Arbeitsmigration kann die Aktion nicht fassen: "Man stellt die Leute einfach auf die Straße. Bietet keine Lösung an."

Es dauert Stunden, bis Behördenvertreter und eine Dolmetscherin erscheinen. Frauen und Kinder könnten kurzfristig im Kolpinghaus in Götzis unterkommen, teilt Wolfgang Blecha von der Kinder- und Jugendhilfe mit. "Und die Männer, was wird aus den Männern?", will die Clanälteste wissen. "Da kann ich Ihnen nicht helfen, ich bin nur für die Kinder zuständig." Blecha drückt den Frauen Wegbeschreibung und Adresse in die Hand: "Dort können Sie hingehen." Die Frau: "Wir sind eine Familie, wir wollen zusammenbleiben."

Gefahr an der Bahnstrecke

Vier Kinder, das jüngste fünf Monate alt, haben in den Zelten gelebt. Landeshauptmann Markus Wallner (VP) hatte via Medien mit Kindesentzug gedroht. "Nicht notwendig, den Kindern geht es gut, das haben wir mehrfach kontrolliert", sagt Blecha.

Warum die Eile, will einer der Väter wissen. Die ÖBB fürchte um die Sicherheit, erklärt ihm Pressesprecher René Zumtobel. Sie hätten die Gleise betreten, Kies aus dem Gleisbett für den Lagerbau genommen. "Es ist zu gefährlich hier, die Züge rasen mit 140 km/h durch. Im Notfall braucht so ein Zug einen Kilometer, bis er steht." Eine Woche Zeit hätten sie gerne, bittet der Mann. Von Zumtobel kommt ein klares Nein. Ein paar Stunden hätten sie noch, dann komme die Polizei.

Die Männer haben mittlerweile begonnen, die Sachen zusammenzupacken. Eine Pensionistin kommt vorbei, bringt Kekse und Äpfel. Sie hat im Radio von der Räumung gehört: "Da muss man doch helfen."

Stadtpolitik ist gefordert

Im Hintergrund telefoniert Nina Tomaselli, Landtagsabgeordnete der Grünen. Sie versucht erfolglos, Lagermöglichkeiten für die Habseligkeiten zu finden. Tomaselli sieht die Aktion als weitere Schikane der Behörden gegen die Bettelnden: "Hier werden Sicherheitsgründe doch nur vorgeschoben. Die ÖBB lässt sich von der Bürgermeisterin der Stadt Dornbirn instrumentalisieren. Das Ganze ist eine Hauruckaktion." Man habe den Menschen keine Alternative angeboten.

Am späten Nachmittag stehen die 30 Obdachlosen immer noch auf der Wiese. In einem riesigen Haufen von Matratzen und Gepäck.

"Da stehen diese Menschen nun auf der Straße", ist der evangelische Pfarrer Michael Meyer, Mitglied der Plattform für Arbeitsmigration, empört. Er setzt sich seit Monaten für die Bettlerinnen und Bettler ein, macht immer wieder auf Schikanen aufmerksam. Das Problem gehöre im Dornbirner Rathaus gelöst, fordert Meyer. "Wenn die Menschen obdachlos sind, droht ihnen bei dieser Kälte der Tod." Seine Pfarre könne kurzfristig Hilfe bieten, es bedürfe aber langfristiger Maßnahmen.

Lösungen werden gesucht

Grundbesitzer aus anderen Teilen Vorarlbergs bieten Grundstücke als Lagerplatz an, teilt die grüne Soziallandesrätin Katharina Wiesflecker am späten Nachmittag via Aussendung mit. Das werde nun geprüft. Wiesflecker: "Allerdings kann das auch nur eine vorübergehende Variante sein, weil der Winter kommt." Vorerst sei für 20 Frauen und Kinder aus dem Dornbirner Lager Platz gefunden worden. Dort könnten sie vier, fünf Tage bleiben.

Sie wolle sich nun in anderen Bundesländern über die Erfahrungen mit Notquartieren erkundigen. Denn: "Wir werden damit umgehen müssen, dass Notreisende aus den ärmsten Ländern Europas auch nach Vorarlberg kommen", sagt Wiesflecker. (Jutta Berger, 21.10.2015)

  • Ein Roma-Lager in Dornbirn wurde geräumt.
    foto: jutta berger

    Ein Roma-Lager in Dornbirn wurde geräumt.

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