Häuptling und Medizinmann

Kolumne21. Oktober 2015, 17:13
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Zum Glück wissen die Landesväter höchste Ansprüche mit menschlicher Größe zu vereinen

Die regelmäßige Lektüre österreichischer Tageszeitungen lehrt mitunter Demut vor dem Scheitern. Gerade am Wochenende, wo man als Konsument selbst für ein gerechtes Preis-Leistungs-Verhältnis sorgen kann, wird einem die Gefahr, die inhaltliche Überforderung für manche Zeitungsmacher darstellt, geballt vor Augen geführt. Dennoch sollte man sich vor der Beurteilung von Krone-Außenpolitik, Österreich-Sport, Standard-Kultur und der Karikatur in der Presse daran erinnern, dass alles relativ ist. Verglichen zum Beispiel mit dem heimischen Medizinjournalismus. "Nur elf Prozent der in österreichischen Medien veröffentlichten Gesundheits-News stimmen", enthüllt die universitäre Plattform Medizin-Transparent.at. Der Rest sei "deutlich verzerrt, stark übertrieben oder sogar das Gegenteil von dem, was stimmt".

Ein erschütternder Befund, der möglicherweise auch deshalb so drastisch ausfällt, weil Nachrichten über neue medizinische Erkenntnisse nicht immer gleich als solche erkannt werden.

Als Beispiel dafür kann ein Bericht des Rechnungshofes über die alarmierende Lage der von den Bundesländern angestellten Lehrer gelten. 19 Prozent von ihnen gehen wegen Dienstunfähigkeit in Pension, das sind mehr als doppelt so viele wie bei ihren vom Bund beschäftigten Kollegen. Nur 4,5 Prozent arbeiten bis zum gesetzlichen Pensionsalter, während es bei den Bundeslehrern 16,6 Prozent sind. Landeslehrer gehen also ein deutlich erhöhtes Gesundheitsrisiko ein, das durch Pragmatisierung noch gesteigert wird. Die durchschnittlichen Krankenstände beamteter Lehrer sind fast doppelt so lang wie die der vertragsbediensteten Pädagogen.

Auch bei der Suche nach den Ursachen dieser katastrophalen Gesundheitssituation wird man im Rechnungshofbericht fündig. So müssen beispielsweise die Vizepräsidenten der Landesschulräte mit dem psychischen Stressszenario zurechtkommen, einen gleichzeitig sinn-, zweck-, kompetenz- und beschäftigungslosen Arbeitsalltag zu bewältigen. Dazu kommt der permanente Druck, dem Landesschulratspräsidenten in Gestalt des jeweiligen Landeshauptmannes untergeben zu sein. Der wiederum erfüllt dieses zusätzliche Amt mit dem für ihn typischen unerbittlichen Streben nach Bundesland-Optimierung, was allen Lehrern – am meisten natürlich den durch Pragmatisierung ihrem Herrn unauflösbar verpflichteten – offenbar eine derartige Verantwortung aufbürdet, dass sie unter dieser Last immer öfter zusammenbrechen.

Doch zum Glück wissen die Landesväter höchste Ansprüche mit menschlicher Größe zu vereinen. Sie sind nicht nur Landeshäuptlinge, sondern auch Medizinmänner, denen die Unversehrtheit ihrer Untertanen am Herzen liegt. Deshalb werden sie wohl demnächst eingestehen, dass die von ihnen ursprünglich geforderte Übernahme aller Lehrer in den Verwaltungsbereich der Länder einem Attentat auf die Volksgesundheit gleichkommt, dem sie sich ab sofort mit föderalistischer Entschlossenheit entgegenstellen.

Sollten diese "Gesundheits-News" demnächst wahr werden, dürfen wir uns nebenbei auch über das Ersparen vieler Millionen Euro freuen, die man nun tatsächlich in Bildung statt in Eitelkeits-Eseleien investieren könnte. (Florian Scheuba, 21.10.2015)

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