"Zukunftsmotor Gesundheit": Das Gesundheitssystem retten

Rezension22. Oktober 2015, 15:19
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Gesundheitssysteme funktionieren nach eigenen Gesetzen. Wer sie verstehen will, kann sich die Komplexität in einem neuen Buch erlesen

Fragt man einen x-beliebigen Menschen auf der Straße, was das Wichtigste im Leben ist, dann würde die Antwort in vielen Fällen wohl "Gesundheit" heißen. Vor allem Menschen, die krank sind, denken so. Denn erst wer krank ist, lernt die Vorzüge und Defizite unseres österreichischen Gesundheitssystems kennen.

Zwar rühmen sich vor allem Politiker, dass wir hierzulande das beste Gesundheitssystem der Welt haben, doch wirklich wissen, welche Institutionen und Kräfte hier wirken, verstehen die wenigsten. Österreich ist föderal organisiert, jedes Bundesland hat seine eigenen Strukturen und Bestimmungen und im Laufe der Zeit haben sich so viele Verstrickungen ergeben, dass sich nur wenige Menschen darin zurechtfinden.

Schade eigentlich, denn wer mitreden und mitgestalten will, sollte das große Ganze verstehen. "Zukunftsmotor Gesundheit" heißt ein eben im Springer Verlag erschienenes Buch, das es auf 267 Seiten schafft, Licht ins Dickicht des Gesundheitswesens zu bringen.

Das große Ganze

Geschafft haben das die beiden Herausgeber des Buches: Andrea Wesenauer ist eine profunde Kennerin des Systems und seit vielen Jahren in der Oberösterreichischen Gebietskrankenkasse in leitenden Funktionen tätig. Zusammen mit Robert Bauer von der Johannes Kepler Universität Linz haben sie die zentralen Themen und Schwachstellen identifiziert und Autoren eingeladen, zur grundsätzlichen Dynamik Stellung zu nehmen.

Denn, und auch das wissen Insider, Gesundheit ist ein wichtiger Markt, doch im Gegensatz zu anderen Branchen einer, der nicht nach rein marktwirtschaftlichen Prinzipien funktioniert. In den einleitenden Kapiteln werden auf wenigen Seiten wichtige Charakteristika ausgebreitet. Wenn Wesenauer und Bauer darüber schreiben, klingt eigentlich alles recht simpel und überschaubar, sogar in seiner zeitlichen Komponente: Wesenauer gibt einen Überblick über den Status quo der Gesundheitsreform – in lesefreundlichen Listen. Manchmal mutet es fast wie ein Lehrbuch an.

Doch tatsächlich geht es ja um die Zukunft und darum, welche Weichen heute für die kommenden Generationen getroffen werden sollte. Die Herausgeber haben renommierte Experten aus ganz unterschiedlichen Bereichen des Gesundheitswesens eingeladen, dazu Stellung zu nehmen. Wenn es um Gesundheit geht, das wird nach ein paar Beiträgen klar, geht es immer um einen Ausgleich von Interessen. Josef Probst, Generalsekretär des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger führt vor, was es heißt, im Kollektiv denken zu müssen.

Public Health

Martin Sprenger, Experte für Public Health von der Med-Uni Graz diskutiert in seinem Beitrag die hochaktuelle Frage, wo Patienten bestmöglich versorgt werden, und warum das solche Diskussionen aufwirft. "Wie so oft folgt die Diskussion in Österreich vor allem emotionalen und weniger sachlichen Argumenten", schreibt Sprenger und thematisiert damit wohl auch ein wichtiges Charakteristikum des österreichischen Gesundheitswesens.

Angesichts der demografischen Entwicklungen ist eines klar: Das System, so wie es heute ist, wird die vielen alten Menschen nicht versorgen können, deshalb sind neue Konzepte und ein gemeinsames an einem Strang ziehen, dringender als jemals zuvor notwendig.

Wer tief in die Materie einsteigen will, führt sich Thomas Czypionkas Beitrag zu Gemüte. Er macht klar, warum Effizienz im Gesundheitssystem so schwer messbar ist und das Effizienz und Kosten in einem komplexen System in schwieriger Relation zueinander stehen. Was Czypionka noch sagt: "Reformen im Gesundheitswesen brauchen Zeit, sonst scheitern sie", auch das eine sehr erhellende Weisheit.

Grundlage für Diskurs

Und schließlich geht es auch um die sozialen Komponenten. Um die wichtige Frage der Langzeitpflege zum Beispiel, aber auch darum, wie Menschen Krankheit wahrnehmen und damit umgehen. Prävention, also die Vermeidung von Krankheiten, ist ebenfalls ein Thema, dem in diesem Buch viel Raum eingeräumt wird.

Fazit: "Zukunftsmotor Gesundheit" ist eine Art Wegweiser für alle, die die Gesundheit der Bevölkerung in Österreich mitgestalten wollen. Es schafft eine gemeinsame Basis, auf der gearbeitet werden kann.

Wer Österreichs Gesundheitssystem kennt, weiß, dass solche Grundlagen lange Zeit gefehlt haben. Für Otto-Normal-Verbraucher ist die Lektüre ein Ausweg aus einer reichlich unverständlichen Struktur. Das ist wichtig, schließlich werden viele eines Tages Patienten sein. Sich dann ein besseres Gesundheitssystem zu wünschen, weil es nicht mehr funktioniert, wäre zu spät. (Karin Pollack, 22.10.2015)

  • Robert Bauer, Andrea Wesenauer (Hg.)Zukunftsmotor GesundheitEntwürfe für das Gesundheitssystem von morgen Springer 2015267 Seiten, 51,39 Euro

    Robert Bauer, Andrea Wesenauer (Hg.)
    Zukunftsmotor Gesundheit
    Entwürfe für das Gesundheitssystem von morgen
    Springer 2015
    267 Seiten, 51,39 Euro

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