Rapid und die Lust auf große Aufgaben

21. Oktober 2015, 16:40
169 Postings

Sportdirektor Andreas Müller ist vor dem Treffen in der Europa League mit Viktoria Pilsen zuversichtlich. Obwohl die jüngsten Leistungen von Rapid durchaus beunruhigend waren. "Wir besitzen die Gabe, Außergewöhnliches zu leisten"

Wien – Andreas Müller sagt immer wieder "Robert Beric", obwohl er eigentlich gar nicht "Robert Beric" sagen möchte. "Aber man liest halt ständig über Robert Beric. Und darüber, dass mit seinem Abgang Rapid in Probleme geraten ist." Der Sportdirektor dementiert das, hält herzlich wenig von Krisengeschwafel. "Tatsache ist, dass wir wachsam sein müssen."

Rapid ist mit fünf Siegen in die Meisterschaft gestartet, scheiterte nahezu heroisch an der Qualifikation zur Champions League. Hätte Beric gegen Schachtar Donezk in der Nachspielzeit seine Kopfballchance nicht fahrlässig versemmelt, frage nicht, der Geldspeicher wäre prall gefüllt worden. Müller lehnt den Konjunktiv strikt ab. "Im Fußball sinnlos." Zum Faktischen: Mittlerweile ist Rapid in der Bundesliga nur mehr Dritter, vier der jüngsten sechs Partien wurden verloren. "Ich habe immer gesagt, dass Salzburg der Favorit ist, wir gewinnen niemals gegen die Admira 8:0."

Vorläufiger Tiefpunkt war das 1:2 am Sonntag in Wolfsberg. Selbst die kühnsten Pessimisten im Verein konnten nicht mit einer derart erbärmlichen Leistung rechnen. "Wir haben keine Einstellung zum Gegner und zum Spiel gefunden." Der 52-jährige Deutsche hatte danach ganz kurz überlegt, drauflos zu schimpfen. "Dampf ablassen wäre in dieser Situation völlig falsch gewesen. Sie brauchen Zuspruch, damit sie von ihren Qualitäten, die vorhanden sind, überzeugt sind. Sie wissen ja, wie schlecht sie waren. Jetzt müssen wir unser wahres Gesicht zeigen." Ohne Robert Beric, der für St. Etienne regelmäßig netzt. Müller gönnt es ihm.

Dominoeffekt und Geduldsprobe

Abgesehen davon schaut es bei Rapid momentan so aus: "Es gibt einen Dominoeffekt. Ein Schwacher steckt den anderen an. Dabei sollte der Schwache von den anderen aufgebaut und gestützt werden. Wir kommen zu selten in den gegnerischen Strafraum. Das wäre auch mit Beric so." Nachfolger Matej Jelic benötige Zeit. Die im Sommer verpflichteten Philipp Huspek, Stefan Nutz und Tomi waren in Grödig eine Macht, bei Rapid trainieren sie brav mit. Müller ist nach wie vor von den Qualitäten des Trios überzeugt. "Fußball hat auch mit Geduld zu tun."

Am Donnerstag wird in der Europa League Viktoria Pilsen begrüßt. Das Happel-Stadion wird sehr gut gefüllt sein, 35.000 Karten wurden abgesetzt. Rapid ist nach den Erfolgen gegen Villarreal (2:1) und Dinamo Minsk (1:0) Gruppenerster. Pilsen wird von der mitunter blanken Öffentlichkeit sträflich unterschätzt. Müller ist sich der Stärke der Tschechen voll bewusst. "Ein hervorragendes Team, unser direkter Gegner um Platz zwei." Trainer Zoran Barisic stimmt zu. "Erfahren, spielstark, von der Anlage her mit uns zu vergleichen." Kapitän Steffen Hofmann, der über die Doppelbelastung nie jammern würde ("Es gibt doch nichts Schöneres"), geht davon aus, "dass wir zu einer Topleistung fähig sind". Barisic muss wohl auf den am Knöchel lädierten Thanos Petsos verzichten.

Pilsen ist amtierender Meister, der Verein gibt ein Jahresbudget von zwölf Millionen Euro an, inoffiziell dürfte es zumindest das Doppelte sein. Verteidiger Vaclav Prochazka ist gesperrt, Trainer Karel Krejci hat "großen Respekt vor Rapid". Viktoria ist praktisch frei von Legionären, Tomas Horava und Milan Petrzela walten im Mittelfeld, Michal Duris ist ein nicht zu unterschätzender Stürmer.

Die Tschechen kämen, so Müller, zum idealen Zeitpunkt. "Wir brauchen große Aufgaben. Denn nur so können wir wachsen, aus dem kleinen Loch kriechen." Am Sonntag steigt das Derby gegen die Austria, drei Tage später ist Cup gegen Austria Salzburg, am 31. Oktober wird Sturm Graz empfangen. "Da kann man nicht grübeln, da kann man nur gut Fußballspielen. Rapid besitzt die Gabe, Außergewöhnliches zu leisten." Auch ohne Robert Beric. Müller: "Das ist kein Thema." (Christian Hackl, 21.10.2015)

Europa-League/Gruppe E/3. Runde:
SK Rapid Wien – Viktoria Pilsen (Wien, Ernst-Happel-Stadion, Donnerstag, 21.05 MESZ/live Puls 4 und Sky, SR Craig Pawson/ENG)

Rapid: Novota – Auer, Sonnleitner, Dibon, Stangl – Schwab, Grahovac – Schaub, S. Hofmann, F. Kainz – Prosenik

Ersatz: Strebinger – M. Hofmann, Pavelic, Huspek, Schobesberger, Alar, Jelic, Tomi

Es fehlen: Schrammel, Kuen (beide nach Kreuzbandriss), Nutz (Knieverletzung)

Fraglich: Petsos (angeschlagen)

Pilsen: Kozacik – Rajtoral, Baranek, Hejda, Limbersky – Horava, Hrosovsky – Petrzela, Kopic, Kovarik – Duris

Ersatz: Bolek – Hubnik, Mateju, Kucera, Vanek, Kolar, Vuch, Mahmutovic, Holenda

Es fehlt: Prochazka (gesperrt)

  • Andreas Müller versucht es vor Pilsen mit Zuckerbrot.
    foto: apa/epa/schlager

    Andreas Müller versucht es vor Pilsen mit Zuckerbrot.

  • Zoran Barisic ist gegen Pilsen wieder als Dirigent gefragt.
    foto: apa / gert eggenberger

    Zoran Barisic ist gegen Pilsen wieder als Dirigent gefragt.

Share if you care.