Schulpreise für Leselust und gegen stereotype Geschlechterrollen

21. Oktober 2015, 18:11
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Die Volksschule "Kinderinsel in der Wasserwelt" und die Hertha-Firnberg-Schulen in Wien wurden vom Bildungsministerium ausgezeichnet

Wien – Auf Albanisch, Arabisch, Bosnisch-Serbisch-Kroatisch, Rumänisch, Türkisch, Kurdisch und in Romani: Jeden Dienstag lernen die Volksschüler in der "Kinderinsel an der Wasserwelt" im 15. Wiener Bezirk eine Stunde lang in ihrer Muttersprache lesen. In der zweiten Einheit findet Leseförderung auf Deutsch statt. Mit diesem Projekt hat die Volksschule von Direktorin Susanne Göd nun den ersten Platz beim Schulpreis 2015 in der Kategorie "Lesekompetenz" erreicht.

Den österreichischen Schulpreis verleiht das Bildungsministerium seit dem Jahr 2009. Anhand von acht Qualitätskriterien wie "Lebensraum Klasse und Schule", "Führung und Schulmanagement" oder "Umgang mit Vielfalt" wählen acht Ministeriumsbeamte jene Schulen aus, die ihrer Meinung nach eine Auszeichnung verdienen. In diesem Jahr gab es erstmals Schwerpunkte. In den Kategorien "Lesekompetenz" und "Geschlechtergerechtigkeit" wurden bei einer Preisverleihung am Mittwoch je drei Schulen ausgezeichnet.

Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) überreichte die Preise in der Orangerie in Schönbrunn. "Eine Schule, in der alle Kinder – egal ob Mädchen oder Buben – ihre Potenziale voll ausschöpfen können und die Kindern Freude am Lesen vermittelt, ist Teil meiner Vorstellung einer Schule der Zukunft", erklärte sie in einer Aussendung.

Neue Rollenbilder

Der erste Preis in der zweiten Kategorie ging an die Hertha-Firnberg-Schulen im 22. Bezirk. Direktorin Maria Ettl setzt sich an den Wirtschaftsschulen dafür ein, "dass junge Frauen und Männer lernen, für sich ein neues Rollenbild zu definieren". Dafür gibt es an der Schule eine eigene Steuerungsgruppe. Zum Ziel gesetzt hat sich Ettl auch, die Geschlechtertrennung an den berufsbildenden höheren Schulen zu beenden.

Während Mädchen an Wirtschaftsschulen gehen, besuchen überwiegend Burschen die höheren technischen Schulen (HTL). "Schultypen führen immer noch zur Geschlechtersegregation", sagte Ettl bei der Preisverleihung. Sie wolle deshalb die Schultypen ignorieren. Den ersten Versuch hat sie mit dem Zweig "Kommunikations- und Mediendesign" gestartet, der auch Männer interessieren soll. "Es ist ein schöner Erfolg, wir haben hier fünfzig Prozent Burschen."

In High Heels am Ball

Mit dem zweiten Preis beim Schwerpunkt "Geschlechtergerechtigkeit" wurde das Gymnasium Rahlgasse im sechsten Wiener Bezirk ausgezeichnet. Als Mädchengymnasium gegründet, nimmt die Schule seit 1978 auch Buben auf. In regelmäßigen Workshops setzen sich die Schüler und Schülerinnen mit ihren Geschlechterrollen auseinander. Steorotype seien an seiner Schule kaum ein Thema, berichtete ein Schüler. "Ich war am Ball in den High Heels meiner Freundin, und es war kein Problem."

Die Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik in Linz bemüht sich vor allem um männliche Elementarpädagogen. "Das Bild der Tante ist noch immer in den Köpfen verankert", sagte ein Schüler. Dagegen gelte es anzukämpfen, da vor allem im Kindergarten männliche Vorbilder wichtig seien. Seine Schule erreichten den dritten Platz.

Lizenz zum Lesen

In der Kategorie "Lesekompetenz" erlangte das Gymnasium Kirchdorf an der Krems den zweiten Platz. Die Schule bietet ihren Erstklasslern die Möglichkeit einer "Lizenz zum Lesen". Wenn sie bestimmte Aufgaben lösen können, bekommen sie einen speziellen Ausweis und den Titel "Leseratte". Sie dürfen damit den Bibliothekaren Tipps für neue Bücher geben. In der großen Schulbücherei arbeiten vierzig Schüler als freiwillige Mitarbeiter.

Auch in der Neuen Mittelschule in Kirchberg an der Raab unterstützen zwanzig Schüler die Bibliothek, in der mehr als 7.000 Bücher auf lesehungrige Schüler warten. "Manche Schüler lesen pro Jahr 130 Bücher", berichtete Direktorin Christine Fischer, deren Schule mit dem dritten Platz ausgezeichnet wurde. Einmal im Jahr findet ein Lesefest statt.

Die beiden Erstplatzierten bekommen je 6.000 Euro. Für die zweiten und dritten Plätze gibt es je 2.000 beziehungsweise 1.000 Euro. Die Jury wählte aus 91 Einreichungen, wobei 16 zu Gendergerechtigkeit und 75 zu Lesekompetenz eingegangen sind. (Lisa Kogelnik, 21.10.2015)

Schulpreis 2015:

Kategorie "Lesekompetenz"

1. Platz: Volksschule Kinderinsel in der Wasserwelt (Wien)

2. Platz: BRG/BORG Kirchdorf an der Krems (Oberösterreich)

3. Platz: NMS Kirchberg an der Raab (Steiermark)


Kategorie "Geschlechtergerechtigkeit"

1. Platz: Hertha-Firnberg-Schulen für Wirtschaft und Tourismus (Wien)

2. Platz: GRG6 Rahlgasse (Wien)

3. Platz: Bakip Linz (Oberösterreich)

  • Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) überreicht Direktorin Susanne Göd und Schülerinnen der "Kinderinsel in der Wasserwelt" den Schulpreis.

    Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) überreicht Direktorin Susanne Göd und Schülerinnen der "Kinderinsel in der Wasserwelt" den Schulpreis.

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