"A Most Violent Year": Ausweitung der Grauzone

21. Oktober 2015, 15:59
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In J. C. Chandors "A Most Violent Year" versuchen Oscar Isaac und Jessica Chastain den großen Coup zu landen. Ein bestechender Film, angesiedelt zwischen Charakterdrama und Gangsterthriller

Wer in Amerika ein Transportunternehmen gründet, muss mit allerlei Schwierigkeiten rechnen. Schließlich handelt es sich hier um eine Branche, die gerne ihre eigenen Gesetze macht und mafiose Strukturen ausprägt. Abel Morales (Oscar Isaac) ist ein junger, tatendurstiger Mann mit einer Vision: Er möchte ein Grundstück kaufen, von dem aus er das Geschäft künftig perfekt aufziehen kann. Es liegt in Brooklyn direkt am Wasser, das ferne Manhattan mit seinen anderen Ökonomien ist nur eine Spur am Horizont. Ausgerechnet in einer heiklen Situation, als die Anzahlung bereits geleistet ist, Morales eine große Summe aber noch aufbringen muss, beginnt eine Serie von Anschlägen auf seine Fahrer, rückt ihm die Polizei auf den Leib, werden seine Bilanzen geprüft. Er gerät in jeder Hinsicht unter Druck.

Der Titel des Films bezieht sich auf die Mordstatistiken von New York. 1980 erreichte die Gewalt einen Höhepunkt. J. C. Chandor (Margin Call, All is Lost) erzählt von dem Jahr danach, in einer konzentrierten Mischung aus Charakterdrama und Gangsterthriller, wobei man nicht zu weit geht, wenn man das Genre hier als Gefäß für ein deutlich umfassenderes Interesse sieht. Abel sucht nach dem "path that is most right" – so lautet der klingendste Satz in dem exzellenten Drehbuch. Das "right" bleibt dabei so vieldeutig, wie es nur sein kann: Rechtschaffenheit klingt an, aber auch der Pragmatismus einer Unternehmerkultur, die immer das Profitable für das Richtige halten wird.

Nuancen von Moral

Abel Morales, hispanischer Zuwanderersohn und damit Repräsentant einer Gruppe, die seither in den USA immer bedeutender geworden ist, ist ein moralischer Held par excellence, dabei keineswegs ein eindimensionales Vorbild. Abels Frau Anna (Jessica Chastain), die aus einer einschlägigen Familie stammt und praktischen Lösungen nicht abgeneigt ist, hält ihm die Treue, es vibriert aber in jeder Hinsicht zwischen diesem Paar, das den Eros des Erfolgs lebt.

Alles kulminiert in zwei großartigen Spannungssequenzen, in denen man New York in einer Weise sieht, wie die Stadt schon lange nicht mehr auf die Leinwand gebracht wurde: erhaben und gefährlich.

Nur ein großer Mann vermag in dieser Stadt zu bestehen, und Abel Morales zählt schon jetzt zu den unvergesslichen Figuren des US-Kinos. Wie auch sein Darsteller Oscar Isaac, bekannt geworden mit dem komischen Inside Llewyn Davis der Coen-Brüder, zuletzt mit der Miniserie More Than a Hero in einem ähnlichen Milieu wie bei Chandor zu sehen, innerhalb kurzer Zeit in die erste Riege der US-Stars aufgestiegen ist. In A Most Violent Year zeigt er auf eine großartige Weise die Nuancen von Moral und Erfolg, und man könnte sich gut vorstellen, wie dieser Morales ein Kapital, das hier aus den Grauzonen des Informellen (mit Kreditverträgen, die im Auto abgeschlossen werden) geholt wird, schließlich über das Wasser nach Manhattan bringt. Doch das wäre eine andere Geschichte der Reaganomics, die ja auch mit dem "gewaltsamsten" Jahr begannen. (Bert Rebhandl, 21.10.2015)

23. 10., 11.00; 27. 10., 6.30; 28. 10., 20.30, jeweils Gartenbaukino

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Viennale

  • New York, Winter 1981: Auf der anderen Seite der Stadt regiert das Kapital, das der Unternehmer Abel Morales (Oscar Isaac) in "A Most Violent Year" so dringend braucht.
    foto: viennale

    New York, Winter 1981: Auf der anderen Seite der Stadt regiert das Kapital, das der Unternehmer Abel Morales (Oscar Isaac) in "A Most Violent Year" so dringend braucht.

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