Gewalt in Einrichtungen der Caritas Wien: Bisher 48 Betroffene

21. Oktober 2015, 16:44
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Die Caritas ließ Missbrauchsfälle aufarbeiten und leitete einen Präventionsprozess ein

Wien – Die Caritas Wien hat historische Fälle von Gewalt, Missbrauch und sexuellen Übergriffen in ihren Großeinrichtungen aufarbeiten lassen. Dazu beleuchtete die Sozialpädagogin und Psychoanalytikerin Tanja Kraushofer seit Herbst 2012 Vorgänge in vier Einrichtungen. Am Mittwoch wurde ihr Bericht "Erinnern hilft vorbeugen" präsentiert: 48 von Gewalt betroffene Personen haben sich demnach bisher gemeldet.

Die meisten Vorfälle betreffen die Zeit von 1950 bis 1980, einige aber auch die jüngere Vergangenheit. Es sei anzunehmen, dass sich weitere Betroffene melden, sagte Caritas-Wien-Generalsekretär Klaus Schwertner.

"Gequält und gestraft"

Untersucht wurden in Niederösterreich das "Bubenheim" Retz und das "Mädchenheim" Lanzendorf sowie in Wien das Kinderheim Lacknergasse in Währing und das "Heim für behinderte Kinder und Jugendliche" Am Himmel in Döbling. Ein ehemaliger Retzer Bewohner berichtete von das Trommelfell verletzenden Ohrfeigen, in Lanzendorf soll eine Mitarbeiterin in den 1980er-Jahren Mädchen "gedemütigt, geschlagen und eingeschüchtert" haben.

Auch im Wiener Heim Lacknergasse wurden laut dem Bericht Kinder "über mehrere Jahre körperlich schwer gezüchtigt, gequält und gestraft". Die Einrichtung Am Himmel betreffend berichteten Mitarbeiter von einem "rigiden, repressiven, atmosphärisch kalten System". "Erziehungsmaßnahmen" wie "im Erbrochenen sitzen lassen" habe es noch im Jahr 2004 gegeben.

"Es tut mir leid"

Michael Landau entschuldigte sich am Mittwoch bei den Betroffenen. "Es tut uns als Organisation und es tut mir als Mensch leid", sagte der Caritas-Präsident. Das Wissen über die Geschehnisse schmerze, "aber das ist nichts im Vergleich zum Schmerz der Opfer".

Es seien auch Zahlungen an Betroffene in der Höhe von je 5.000 bis 25.000 Euro erfolgt sowie Therapiekosten übernommen worden. Das Geld stamme aus Rücklagen, sagte Generalsekretär Schwertner. Auch "etliche" Anzeigen seien erfolgt. Man habe Betroffene zu diesem Schritt ermutigt, berichtete Landau.

"Nicht vergleichbar"

Die Caritas Wien hat Studienautorin Kraushofer als Präventionsbeauftragte für die Organisation eingesetzt, um zusätzlich zu bereits gesetzten Maßnahmen Gewaltprävention weiter zu etablieren. Kraushofer stellte fest, dass Nachfolgeeinrichtungen der vier im Bericht beschriebenen in ihrer Struktur und ihren ökonomischen Voraussetzungen nicht mit den damaligen Zuständen vergleichbar seien. Unter anderem seien Gruppengrößen verkleinert und die Personalauswahl verbessert worden, teilte Landau mit. Zudem sollen nun regelmäßig Mitarbeiter und Klienten befragt werden.

Entwicklungsziel

Die Caritas Wien hat 2012 auch eine Expertenkommission einberufen, die einen "Organisationsentwicklungsprozess" beratend begleiten soll. In der Kommission sitzt unter anderen der frühere Stadtschulratspräsident Kurt Scholz, auch Mitglied der Klasnic-Kommission. Scholz meinte am Mittwoch, es brauche ein interministerielles Gewaltpräventionsprogramm im Bund, wie es nun in der Caritas erarbeitet werde. (Gudrun Springer, 21.10.2015)

  • Ein etwa 30 Jahre altes Foto des ehemaligen Kinderheims in der Lacknergasse (heute die Zweite Gruft). Die das ehemalige Heim betreffenden bisher vorliegenden Vorfälle liegen weiter zurück, insgesamt betrafen die meisten den Zeitraum von 1950 bis 1980.
    foto: caritas wien archiv

    Ein etwa 30 Jahre altes Foto des ehemaligen Kinderheims in der Lacknergasse (heute die Zweite Gruft). Die das ehemalige Heim betreffenden bisher vorliegenden Vorfälle liegen weiter zurück, insgesamt betrafen die meisten den Zeitraum von 1950 bis 1980.

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