Langfristige Therapieoption nach Transplantation

21. Oktober 2015, 16:15
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Eine neue Therapie soll Abstoßungsreaktionen nach Organtransplantationen langfristig verhindern. An den Studien sind auch Wiener Mediziner beteiligt

Wien – Menschen, die ein neues Organ bekommen, bleiben immer Patienten: Das ist eine Kernaussage in der Transplantationsmedizin. Eine der größten Herausforderung in der Nachbehandlung ist, dass die Menschen, obwohl sie sich wohlfühlen, weiter immunsupprimierende Medikamente einnehmen müssen.

Cortison, Cyclosporin A, sogenannte mTOR-Inhibitoren und andere Medikamente gehören zum "Arsenal", um bei Organtransplantationen die so genannten Abstoßungsreaktionen zu verhindern. Wiener Wissenschafter verfolgen einen weiteren Weg: die Hemmung des angeborenen Komplementsystems als potenzielles Ziel für Therapeutika.

Jährlich werden weltweit rund 500.000 Spendernieren für Patienten transplantiert, die an endgültigem Nierenversagen leiden, doch die Erfolgsraten sind noch immer limitiert. Der kanadische Spezialist Philip Halloran, Chef des Alberta Transplant-Programms in Edmonton in Kanada, sagte im Frühjahr vergangenen Jahres bei einer Tagung des Transplantforums in Wien: "Mehr als drei Prozent der transplantierten Spendernieren versagen pro Jahr. Das betrifft pro Jahr weltweit 15.000 Patienten."

Abstoßung verhindern

Die nach einer Organtransplantation schnell auftretende akute Abstoßungsreaktion auf der Basis einer Immunreaktion, die durch bestimmte weiße Blutkörperchen (T-Lymphozyten) ausgelöst wird, lässt sich durch eine ausreichende medikamentöse Dämpfung der Abwehrkräfte mittlerweile gut in den Griff bekommen. Doch langfristig geht es um eine ganz andere Problematik. "Nach durchschnittlich 10,6 Jahren findet man keine T-Zell-Reaktion mehr. Doch Antikörper gegen das Spenderorgan lassen sich auch noch nach 30 Jahren nachweisen", so der Experte.

Antikörper, die Gewebe direkt angreifen oder für einen Angriff durch Immunzellen markieren, werden von B-Lymphozyten bzw. Plasmazellen produziert. Eine Gegenstrategie könnte also darin liegen, B- und/oder Plasmazellen zu beseitigen.

Vor kurzem erschien im Fachjournal "Transplantation International" eine Übersichtsarbeit von Farsad Eskandary und Georg Böhmig von der Klinischen Abteilung für Nephrologie und Dialyse der MedUni Wien im AKH zum Thema der Hemmung von Komplementfaktoren als mögliche neue Therapie der Antikörper-bedingten Abstoßungsreaktion. "Die über Antikörper vermittelte Abstoßungsreaktion ist die hauptsächliche Ursache für ein Organversagen von Spendernieren", schreiben die Autoren.

Monoklonaler Antikörper

Das Komplementsystem mit einer ganzen Kaskade von Abläufen der Immunabwehr ist einerseits Teil des angeborenen Immunsystems, das beim Eindringen von Krankheitserregern sehr schnell reagieren soll. Andererseits wird das System, bei dem Proteinfaktoren von C1 bis C9 aktiviert werden, auch durch Antikörper in Bewegung gesetzt, die sich auf Strukturen des Spenderorgans "draufsetzen" (HLA-Antikörper). Erst dann läuft im transplantierten Organ eine Reaktion von C1 bis C5 ab, die schließlich die das Organ schädigende Entzündungs- und Abwehrreaktion antreibt.

Böhmig dazu: "Es gibt da einen monoklonalen Antikörper, der gegen den Komplementfaktor C5 gerichtet ist" (Eculizumab; Anm). Zur Verwendung bei Nierentransplantationspatienten gibt es seit 2009 zahlreiche kleine Studien mit Eculizumab zur Prophylaxe und Behandlung Antikörper-vermittelter Abstoßungsreaktion. Zum überwiegenden Teil fielen die Ergebnisse positiv aus, so der Forscher.

Je früher eingegriffen wird, desto besser

Doch es gibt ein Problem: Der Komplementfaktor 5 ist bereits am Ende der Komplement-Aktivierungskaskade. Eine Komplementblockade auf dieser Ebene kann frühe entzündungsfördernde Aktivierungsschritte wahrscheinlich nicht ausreichend unterdrücken. "Daher wäre es eventuell günstiger, früher einzugreifen. Es gibt jetzt einen C1-Inhibitor, der gerade an der Klinischen Pharmakologie der MedUni Wien erprobt wird. Läuft das gut, könnten wir im kommenden Jahr mit der ersten klinischen Prüfung an Patienten beginnen", sagt Böhmig.

Zudem könnte es eine weitere Therapie-Option geben: Der Ansatz besteht darin, bei einem Transplantationspatienten eine Apheresebehandlung (Abfilterung bestimmter Blutbestandteile; Anm.) durchzuführen, die so modifiziert ist, dass sie nicht nur das Organ schädigende Antikörper entfernt, sondern zusätzlich C1 (Komplementfaktor C1). In einer vor kurzem veröffentlichten Studie der Wiener Gruppe konnte gezeigt werden, dass so mit einer einmaligen Behandlung dieser Komplementfaktor zu rund 80 Prozent aus dem Blutplasma entfernt werden kann. (APA, 21.10.2015)

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