Netanyahu: Mufti von Jerusalem stiftete Hitler zum Holocaust an

21. Oktober 2015, 20:26
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Israels Premier: Diktator wollte Juden nicht ermorden – Deutsche Regierung geht auf Distanz

Jerusalem/Berlin – Der israelische Regierungschef Benjamin Netanyahu hat heftige Kritik mit seiner Behauptung ausgelöst, der damalige palästinensische Großmufti von Jerusalem habe Adolf Hitler zur Judenvernichtung angestiftet.

Der NS-Diktator habe 1941 nur eine Vertreibung und keinen Massenmord an den Juden geplant, sagte Netanyahu am Dienstagabend vor dem Internationalen Zionistenkongresses in Jerusalem. Der palästinensische Großmufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, habe Hitler aber zur systematischen Vernichtung der Juden gedrängt.

Palästina wurde damals noch von der britischen Mandatsmacht verwaltet, die eine Einwanderung von Juden streng einschränkte. Im Kampf gegen die Juden hatte Husseini mit Hitler zusammengearbeitet und ihn 1941 in Berlin getroffen.

Netanyahu traf Merkel in Berlin

Netanyahu machte seine Äußerungen kurz vor einem Gespräch mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel. Diese rief am Mittwoch zu einem Ende der neu aufgeflammten Gewalt im Nahost-Konflikt auf': "Wir wünschen uns, dass alle Seiten zur Deeskalation der Lage beitragen".

Israel habe die Verpflichtung, seine eigenen Bürger zu schützen. Dabei müsse aber die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben. Sicherheit und Existenz Israels seien Teil der deutschen Staatsräson, und dies werde auch so bleiben. Netanyahu betonte, Israel wolle Frieden. Er warf den Palästinensern vor, sich Verhandlungen zu verweigern. Sie weigerten sich zudem, Terrorismus zu verurteilen.

Deutsche Regierung kritisiert Aussage

Die deutsche Regierung widersprach am Mittwoch vor seinem Eintreffen der Darstellung Netanyahus. "Wir wissen um die ureigene deutsche Verantwortung an diesem Menschheitsverbrechen. Ich sehe keinen Grund, dass wir unser Geschichtsbild in irgendeiner Weise ändern", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert.

"Hitler wollte die Juden zu dem Zeitpunkt nicht vernichten, sondern ausweisen", sagte Netanyahu laut einer Mitschrift seines Büros während der Rede am Dienstag. "Und Amin al-Husseini ging zu Hitler und sagte: 'Wenn Sie sie vertreiben, kommen sie alle hierher.' – 'Also, was soll ich mit ihnen tun?', fragte er (Hitler). Er (Husseini) sagte: 'Verbrennt sie.'" Außerdem habe der Mufti den Juden damals fälschlich vorgeworfen, sie wollten die Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg zerstören, sagte Netanyahu in Bezug auf den jüngsten Streit mit der Palästinenserführung.

Auch in Berlin blieb Netanyahu bei seinen Äußerungen zur Mitverantwortung des Muftis von Jerusalem. "Der Mufti wurde ein krimineller Komplize für (SS-Hef Heinrich) Himmler und (Holocaust-Organisator Adolf) Eichmann bei der Ausführung des Holocaust", sagte er nach seinem Treffen mit Merkel. "Der Mann ist ein Kriegsverbrecher. Er ist ein Mann, der mit den Nazis kollaboriert hat."

Der palästinensische Präsident Mahmoud Abbas müsse sich fragen lassen, "warum er den Mufti als Krone der Palästinenser hochhält". Der Großmufti habe den Holocaust unterstützt. "Es gibt viele Beweise für die Korrektheit dieser Aussage."

Netanyahu betonte aber auch, dass Nazi-Dikator Adolf Hitler hauptverantwortlich für den Holocaust war. "Hitler ist verantwortlich für den Holocaust. Niemand sollte das abstreiten", sagte er.

Auch Präsident Rivlin auf Distanz

Israels Präsident Reuven Rivlin sagte während eines Besuchs in Tschechien, Husseini und Hitler hätten sich getroffen, ob es einen kausalen Zusammenhang gebe, könne er aber nicht beurteilen. "Hitler ist derjenige, der unendliches Leid über unsere Nation gebracht hat", betonte der Präsident.

Israels Oppositionsführer Izchak Herzog rief Netanyahu am Mittwoch dazu auf, seine Äußerungen zurückzuziehen. Es handle sich um eine "gefährliche Verzerrung der Geschichte, die den Holocaust trivialisiert".

Historiker werfen Netanyahu Holocaust-Leugnung vor

Auch der israelische Holocaustforscher Jehuda Bauer sagte, Netanyahu habe mit seinen Worten "die Figur Hitlers verkleinert". Hitler habe sicherlich "keinen Araber aus dem Nahen Osten gebraucht, der ihm sagte, was er zu tun hat". Husseini habe mit Hitler kollaboriert. "Aber die Idee, dass Hitler von ihm die Inspiration erhielt, ist vollkommen lächerlich", sagte Bauer dem israelischen Armeesender.

Israelische Historiker haben Netanyahu wegen seiner Äußerungen zur angeblich zentralen Rolle des palästinensischen Großmuftis von Jerusalem an der Judenvernichtung in Nazi-Deutschland scharf kritisiert. "Damit hat sich Netanyahu in die lange Liste jener Leute eingereiht, die wir als Holocaust-Leugner bezeichnen", sagte Moshe Zimmermann von der Hebrew University.

Zimmermann, ein Experte für deutsche Geschichte, sagte laut der "New York Times", eine solche Äußerung sei in einem Gesprächsprotokoll des Treffens von Hitler mit dem Mufti nicht enthalten. Es handle sich vielmehr um einen "Trick" Netanyahus, um den Palästinensern von heute Schuld am Holocaust zuzuweisen.

Der Historiker Meir Litvak von der Universität Tel Aviv bezeichnete die Rede als eine "Lüge". Es handle sich um die Höhe der Verzerrung der Geschichte.

De deutsche Geschichtswissenschaftler Stefan Ihrig vom Van Leer Institut in Jerusalem sagte der "New York Times", Netanyahu habe Recht darin, eine Verbindung zwischen dem Großmufti und den Nazis herzustellen. Aber dies dürfe nicht dazu dienen, die Schuld anderen als den Nazis zuzuweisen. "Die Logik und der Weg, der nach Auschwitz führte, waren gänzlich ein deutscher und einer der Nazis", sagte Ihrig.

Der Historiker Edy Cohen von der Bar-Ilan-Universität, der als Experte für die Kollaboration von Arabern mit den Nazis gilt, äußerte sich unterstützend zu den Äußerungen Netanyahus. Hitler und Großmufti Husseini hätten sich "gegenseitig inspiriert". Er räumte jedoch ein, es sei unmöglich, auf präzise Art die Idee zur Auslöschung der Juden einer Person zuzuschreiben.

Abbas empört

Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas sagte nach einem Treffen mit UN-Generalsekretär Ban Ki-moon in Ramallah: "Netanyahu hat Hitler von seinen Verbrechen freigesprochen und die Schuld auf Amin al-Husseini abgeschoben. Auf diese Weise will er unser Volk auf eine sehr erbärmliche Weise angreifen."

Netanyahu sagte dazu vor seiner Abreise nach Berlin: "Das ist absurd. Ich hatte keinesfalls die Absicht, Hitler von seiner teuflischen Verantwortung für die Vernichtung der europäischen Juden freizusprechen." Hitler sei verantwortlich für die Vernichtung von sechs Millionen Juden, "er hat die Entscheidung getroffen". Es sei jedoch "ebenso absurd, die Rolle des Mufti Amin al-Husseini zu ignorieren, eines Kriegsverbrechers, der Hitler, Ribbentrop, Himmler und andere zur Vernichtung der Juden Europas ermutigt hat". (APA, 21.10.2015)

  • Grenze zum Gazastreifen, 20. Oktober: Benjamin Netanyahu zeigt Weitblick.
    foto: apa/epa/michaelükappeler

    Grenze zum Gazastreifen, 20. Oktober: Benjamin Netanyahu zeigt Weitblick.

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