Zwischen Fakt und Fiktion: Filme von Mark Rappaport

21. Oktober 2015, 14:50
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Mark Rappaports Essayfilm "I, Dalio – or The Rules of the Game" und weitere seiner Werke

Worüber haben sie wohl gesprochen in den Drehpausen, die drei Franzosen Marcel Dalio, Louis Jourdan und Maurice Chevalier, die 1960 in den Hollywoodfilm Can-Can, angesiedelt im Pariser Montmartre anno 1896, aber gedreht in einem US-Studio, als "professionelle Franzosen" Momente von Authentizität einbringen sollten? Worüber haben sie gesprochen in Anbetracht der Tatsache, dass der eine von ihnen während der deutschen Besatzung Frankreichs als Jude emigrieren musste, der andere in der Résistance kämpfte und der Dritte sich mit den Machthabern arrangierte?

Die Frage stellt Mark Rappaport in seinem Essayfilm I, Dalio – or The Rules of the Game als schöne Abweichung, die einmal mehr sein Interesse unterstreicht an Bruchstellen zwischen Fakt und Fiktion, zwischen Images, die die Traumwelt erschafft und den biografischen Wirklichkeiten jener, die sie lebendig werden lassen.

Bei Marcel Dalio denkt man heute an seine Figuren in Jean Renoirs Die große Illusion und Die Spielregel – zwei von 183 Kino- und Fernsehauftritten. Ansonsten war er der "Schurke", der "Verräter" (nie einer, dem man vertrauen konnte), in der Emigration in Hollywood "der Franzose" (in Casablanca der Croupier) und nach dem Krieg "der komische Franzose" – die Franzosen respektierten ihn mehr (auch wenn er weiterhin "der Andere" blieb), aber die Amerikaner bezahlten ihn besser.

Mit solchen Widersprüchen musste er leben, so wie Anita Ekberg (in Becoming Anita Ekberg) damit, dass sie, dank La Dolce Vita vom Sexsymbol zur Sexgöttin aufgestiegen, in einem späteren Kurzfilm von Fellini Reklame für sich selbst machte. Das Image hatte sich verselbstständigt, schon die berühmtesten Bilder aus La Dolce Vita sind nicht aus dem Film, sondern Publicity-Fotos. Immerhin: Sie werden uns überdauern.

Am Ende wecken diese Blicke hinter die Fassade den Wunsch, wieder einzutauchen in die Welt der Illusionen, vielleicht mit dem Satz im Ohr, der am Schluss von Corbuccis Il Mercenario steht: "Träum weiter, aber mit offenen Augen". (Frank Arnold, 21.10.2015)

24. 10., Metro, 18.30

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