"The Lobster": Der richtige Partner fürs falsche Leben

21. Oktober 2015, 13:30
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Yorgos Lanthimos' dunkle Komödie zeigt eine Dystopie der Liebe

Wer in der Zukunft übrigbleibt, hat nichts zu lachen. Notorische Singles werden in ein idyllisch gelegenes Hotel überstellt, eine letzte Chance, um den optimalen Partner fürs Leben zu finden. Es ist jedoch kein Resort, in dem das Sprießen von romantischen Blüten leicht fiele. Geregelt wird es wie ein Sanatorium, das jedem realsozialistischen Land gut anstünde, mit starren Regeln und Bestrafungsriten für jene, die nicht parieren. Wer bei der Masturbation erwischt wird, dem droht das Handauflegen beim Toaster.

Der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos hat sich für The Lobster, seine erste internationale Produktion, eine Dystopie der Zweisamkeit ausgedacht, die mit herrlich surrealer Konsequenz ausgeführt wird. Denn wer in den 45 Tagen Kuraufenthalt am Meer immer noch nicht fündig geworden ist, der wird in ein Tier verwandelt. Die Spezies wählen, das zumindest darf man selbst. Aufschub verschafft nur die erfolgreiche Jagd auf abtrünnige Singles in den nahegelegenen Wäldern.

Lanthimos hat schon in Dogtooth (2009) und Alps (2011) soziale Systeme beschrieben, in denen eine Doktrin wirksam ist, die wie eine Verhärtung bestimmter gegenwärtiger Denkmuster wirkt. Nach dem Sicherheits- und Kontrollwahn und selbstbestimmten Maßnahmen gegen eine entsolidarisierte Gesellschaft ist er mit seinem langjährigen Koautor Efthimis Filippou im zwischenmenschlichen Bereich angekommen. Die Form dafür ist, zumindest im ersten Teil, eine Deadpan-Komödie, die etwas von den verkehrten Normen vermittelt, wie sie auch Luis Buñuels Kino gekennzeichnet haben.

Der titelstiftende Hummer ist das gewählte Tier von David, der von Colin Farrell großartig teilnahmslos verkörperten Hauptfigur, einem Mann ohne Eigenschaften, der sich zielsicher die emotional abgeklärteste Frau als Partnerin erwählt. Auch der restliche Cast – John C. Reilly, Ben Whishaw, Asley Jensen – fügt sich geschmeidig in die restriktive Ordnung, in der die sonderbarsten Vorstellungen von Gemeinsamkeit mit derart großer Selbstverständlichkeit vorgebracht werden, dass schon die minimale Abweichung davon sehr komisch wirkt.

Doch The Lobster beschränkt sich nicht auf den Schauplatz des Hotels, sondern folgt David auch ins Unterholz des Waldes, wo sich unter strenger Führung von Lea Seydoux eine Gruppe militanter Singles formiert hat. Es spricht für die dialektische Klugheit von Lanthimos, in dieser Gegenreaktion keine Utopie zu erkennen, sondern nur das seitenverkehrte Modell der staatlichen Tyrannei.

Dass sich für die Sprache der Liebe aber immer ein Medium findet, daran hält The Lobster fest: In einer der schönsten Szenen ist es ein geteiltes Lied, das jeder für sich allein hört. (Dominik Kamalzadeh, 21.10.2015)

27. 10., Gartenbaukino, 18 Uhr

3. 11., Gartenbaukino, 11 Uhr

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Viennale

  • Wellness mit Erfolgsdruck: David (Colin Farrell) muss in "The Lobster" eine Partnerin finden, sonst wird er in ein Tier verwandelt.
    foto: viennale

    Wellness mit Erfolgsdruck: David (Colin Farrell) muss in "The Lobster" eine Partnerin finden, sonst wird er in ein Tier verwandelt.

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