Ausgepresster Orangenmarkt

21. Oktober 2015, 11:19
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Eine neue Studie enthüllt die verheerenden Auswirkungen der Marktkonzentration auf Arbeiter und Umwelt

Er kostet meist deutlich weniger als einen Euro pro Liter in österreichischen Supermärkten: Rund elf Liter Orangensaft werden in Österreich pro Kopf und Jahr durchschnittlich getrunken. 80 Prozent des in Europa konsumierten Konzentrats stammen aus Brasilien. Vor allem in der Region São Paulo werden die Früchte auf großen Plantagen angebaut. Eine neue Studie von Global 2000 und Südwind dokumentiert verheerende Arbeitsbedingungen in der Ernte und Verarbeitung und dramatische Auswirkungen auf die Umwelt.

Laut den Organisationen ist das Hauptproblem die Marktkonzentration. Unter dem Titel "Ausgepresst: Hinter den Kulissen der Orangensaftproduktion" beschreiben sie, dass nur drei multinationale Konzerne – Citrosuco, Cutrale und Luis Dreyfus Commodities – rund 50 Prozent des weltweit produzierten Orangensaftkonzentrats an die Saftabfüll- und Verpackungsunternehmen verkaufen.

EU-weit sieht die Situation ähnlich aus: Nur drei bis vier Supermarktketten pro Land gestalten etwa 80 bis 90 Prozent des gesamten Handels und bauen über Eigenmarken ihre Macht bei den Preisverhandlungen mit den Produzenten aus. Die Niedrigpreise gehen auf Kosten jener, die am härtesten arbeiten: der Arbeiter auf Plantagen und in Fabriken.

1,5 Tonnen pro Erntehelfer am Tag

"Die Erntehelfer pflücken rund 1,5 Tonnen Orangen pro Tag und verdienen damit etwa zehn Euro", sagt Regina Webhofer von Südwind. Unter hohem Zeitdruck schleppen sie zehn bis elf Stunden täglich bis zu 30 Kilo schwere Körbe.

Der Einsatz von Pestiziden würde die gesundheitlichen Probleme verstärken. Pestizidvergiftungen haben sich seit 2007 auf 4.537 Fälle verdoppelt, die Menschen sind unzureichend über Risiken informiert, und Schutzkleidungen fehlen. Die Pestizide dezimieren zudem Wildbienen, die zur Bestäubung der Orangenblüten wichtig sind.

Zwar gibt es in Brasilien die gesetzliche Regelung, dass leere Pestizidkanister abgeholt werden, so Webhofer, in der Praxis liegen sie jedoch auf den Feldern. "Es wäre besser, wenn die Menschen gar nicht arbeiten würden, bevor sie diese Arbeit ausführen", sagte Alcimir Antonio de Carmo, ein brasilianischer Gewerkschaftsvertreter.

Die Arbeiter werden meist von Erntehelfern angeworben und zahlen für Unterbringung und Transport. Die Schlafstellen sind von Platzmangel und katastrophalen hygienischen Bedingungen geprägt, schildert Martin Wildenberg von Global 2000: "20 Menschen schlafen auf 20 Quadratmetern." Auch die kleinen Geschäfte, in denen die Arbeiter einkaufen müssen, gehören den Anwerbern, dort kosten viele Produkte das Doppelte des durchschnittlichen Supermarktpreises. Bis die Menschen ihren ersten Lohn ausgezahlt bekommen, haben sie bereits hohe Schulden angehäuft. "Das ist moderne Sklaverei", sagt Wildenberg.

Konzept ähnlich wie bei grünem Strom

Bisher sind in Brasilien erst neun kleinbäuerliche Kooperationen mit dem Fairtrade-Siegel zertifiziert. Da sich allerdings kleinere Betriebe keine eigene Verarbeitungsfabrik leisten können und lange Transportwege für Orangen nicht möglich sind, landen die fairen bei den konventionell hergestellten Orangen, wie Fairtrade-Geschäftsführer Hartwig Kirner berichtet. Ähnlich wie bei grünem Strom wird der gleiche Anteil an fair Produziertem anderswo eingespeist. (july, 21.10.2015)

  • 80 Prozent des in Europa konsumierten Orangensaftkonzentrats kommen aus Brasilien.
    foto: ap / marco ugarte

    80 Prozent des in Europa konsumierten Orangensaftkonzentrats kommen aus Brasilien.

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