Kritik an Abschuss eingezäunter Wildtiere

21. Oktober 2015, 16:51
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Gezüchtete Tiere werden in Gattern gehalten und abgeschossen. In Niederösterreich könnte nun auch die Jagd auf geschützte Tiere vereinfacht werden

Tatort Gatterjagd mitten am Wiener Stephansplatz: Der Verein gegen Tierfabriken (VGT) will mit dieser Aktion auf eine umstrittene Jagdpraxis aufmerksam machen.

Dieter Hörmann, Sänger und Songwriter des Künstlerduos Zwa Voitrottln, hat sich an der Aktion beteiligt. In der Straßentheateraktion bringt er als Polizist verkleidet zwei prominente Jäger hinter Gitter. "Es ist eine Frechheit, dass Konsorten wie Pröll und Mensdorff-Pouilly Tiere züchten, um sie dann für Geld abschießen zu lassen", sagt Hörmann zum STANDARD.

In sogenannten Jagdgattern leben Hirsche oder Wildschweine in einem eingezäunten Gebiet. Im Unterschied zu Fleischgattern (Farmwild) dient die Haltung nicht der Fleischgewinnung, sondern allein dem Abschuss.

Balluch: Diskrete Gatterjagd

Jagdgäste würde zahlen, damit sie im Jagdgatter beispielsweise Hirsche schießen können. Besonders begehrt seien die Trophäen, für die extra geworben wird. Bei den Verkaufsangeboten werde zudem mit "Diskretion abseits der Öffentlichkeit geworben", sagt VGT-Obmann Martin Balluch. "Wir denken, die Öffentlichkeit sollte erfahren, was da im Wald passiert."

"Die Gatterjagd und die Jagd auf gezüchtete Tiere lassen sich ausschließlich ökonomisch und wegen des Faktors Spaß rechtfertigen", sagt Jagdexperte und Tierarzt Rudolf Winkelmayer. "Ökologisch und tierethisch aber nicht."

Verband Pro-Tier fordert Verbot

Wegen Missständen bei der Gatterjagd hat der Verband österreichischer Tierschutzorganisationen (Pro-Tier) einen Antrag beim Tierschutzrat gestellt. Gefordert wird "ein absolutes Verbot der Züchtung und Haltung von Tieren für die Jagd, ein Verbot von Jagdgattern und von Fasanerien und ähnlichen Haltungsformen von Tieren, die für die Jagd ausgesetzt werden sollen", sagt Verbandspräsident Harald Hofner.

Im oberösterreichischen Tierparadies Schabenreith, dessen Obmann Hofner ist, wird derzeit ein junges Damhirschkalb aufgezogen. Die Mutter soll in einem Jagdgatter erschossen worden sein.

Vom Fleisch- ins Jagdgatter?

Kritisiert wird vom Verband Pro-Tier vor allem, "dass in sogenannten Fleischgattern gezogene Tiere, entgegen den geltenden Bestimmungen zur Bejagung, in Jagdgattern landen". Ausschließen könne man diese Vorgehensweise leider nicht, sagt Engelbert Melk, Obmann des Verbands der niederösterreichischen Wildtierhalter. "Die Käufer müssen beim Kauf eines Hirsches keinen Verwendungszweck angeben." Kontrollen seien bei einem bestehenden Bestand eher schwierig.

Die Jagd in eingezäunten Gebieten gebe es seit der Monarchie, sagt Melk. "Es geht eben darum, dass Jäger schnell zum Schuss kommen. Mit der ursprünglichen Auffassung von Jagd hat das nichts zu tun. Es entspricht nicht den ethischen Vorstellungen der Jagd."

Für den Ankauf von Hirschen würden Gatterbesitzer oft das Argument der Blutauffrischung vorbringen, sagt VGT-Obmann Balluch. "Blutauffrischung ist hier ein Euphemismus für das Aussetzen von großen Trophäenträgern für die Jagd."

Geschützte freilebende Tiere unter Beschuss

Aufregung gibt es aber auch um Abschüsse außerhalb von Gattern: Ein Fall im niederösterreichischen Stronsdorf verdeutlicht die Situation von geschützten freilebenden Wildtieren. 37 Rohrweihen, eine gefährdete Greifvogelart, wurden dort tot in einem Feld gefunden. Die Obduktion ergab, dass die Tiere mit Schrotmunition abgeschossen wurden.

Das Landeskriminalamt hat nach einer Anzeige die Ermittlungen übernommen. Vogelexperten vermuten die Täter in der Jägerschaft. "Mehrere Jäger aus der Umgebung müssen für dieses Gemetzel verantwortlich sein", sagt Hans Frey, Veterinärmediziner und Leiter der niederösterreichischen Greifvogelstation Haringsee.

"Die Greifvögel werden als Konkurrenz zur Jagd gesehen", erklärt Gabor Wichmann von der Vogelschutzorganisation Birdlife. "Die Jäger sehen den Niederwildbestand (Fasane oder Rebhühner) durch die Greifvögel gefährdet." Es gebe aber keine Datenerhebungen, die beweisen, dass durch Rohrweihen Niederwildbestände bedroht sind.

Tiere unter Artenschutz könnten verstärkt zum Abschuss freigegeben werden

In Niederösterreich droht jetzt durch eine geplante Gesetzesänderung eine Aufweichung des Artenschutzes für bedrohte Tiere (und Pflanzen). Tiere, die unter europäischem Artenschutz stehen, könnten künftig leichter bejagt werden. Ein Rahmengesetz soll es der Landesregierung ermöglichen, Verbote für streng geschützte Pflanzen- und Tierarten mit Sondergenehmigungen aufzuheben. Kritiker fürchten, dass mit dieser Landesregelung der EU-weite Schutz unterlaufen werden könnte.

Zur Erläuterung der Gesetzesänderung soll im Vorfeld hauptsächlich von Bibern und Fischottern gesprochen worden sein. Im aktuellen Gesetzesentwurf werden Biber und Fischotter jedoch nicht genannt. Die neue Ausnahmeregelung könnte theoretisch auf alle geschützten Tiere angewandt werden. In einer Verordnung soll erst nach dem Beschluss Genaueres festgelegt werden.

Sondergenehmigungen jetzt schon möglich

Bereits nach dem "alten" Naturschutzgesetz ist die Erteilung von Sondergenehmigungen möglich. Diese werden an Einzelpersonen für Einzelfälle vergeben und müssen alle zwei Jahre der EU-Kommission vorgelegt werden.

Durch die Gesetzesänderung "können Verordnungsermächtigungen an größere Personenkreise erteilt werden. Beispielsweise können der Fischereiverband oder der Jagdverband Sondergenehmigungen erhalten", erklärt Thomas Hansmann von der niederösterreichischen Umweltanwaltschaft.

Petrovic: Jagdrecht kein Freibrief

In der für Donnerstag angesetzten Landtagssitzung in Sankt Pölten soll der Fischotter vom Jagdrecht ins Naturschutzrecht überführt werden. Mit einer Sondergenehmigung, wie sie nun geplant ist, könnte der Fischotter, der bisher unter strengem Artenschutz steht, jagdbar gemacht werden.

"Das ist ein krasser Widerspruch zum Bundestierschutzgesetz", sagt die grüne Landtagsabgeordnete Madeleine Petrovic. "Jagdrecht ist doch kein Freibrief für Tierquälerei. Zudem steht Tierschutz als Staatsziel in der österreichischen Verfassung." (Victoria Windtner, 21.10.2015)

  • Tatort Gatterjagd. Eine Medienaktion des Vereins gegen Tierfabriken auf dem Wiener Stephansplatz.
    foto: vgt

    Tatort Gatterjagd. Eine Medienaktion des Vereins gegen Tierfabriken auf dem Wiener Stephansplatz.

  • Hirsche mit prächtigen Geweihen in einem Zuchtgatter im Burgenland. Der Verband österreichischer Tierschutzorganisationen kritisiert, dass Tiere aus Fleischgattern (Farmwild) in Jagdgatter überstellt werden würden, damit sie dort abgeschossen werden können.
    foto: vgt

    Hirsche mit prächtigen Geweihen in einem Zuchtgatter im Burgenland. Der Verband österreichischer Tierschutzorganisationen kritisiert, dass Tiere aus Fleischgattern (Farmwild) in Jagdgatter überstellt werden würden, damit sie dort abgeschossen werden können.

  • Die Mutter dieses Damhirschkalbs wurde bei einer Gatterjagd erschossen. Im Tierparadies Schabenreith wird es nun aufgezogen.
    foto: harald hofner

    Die Mutter dieses Damhirschkalbs wurde bei einer Gatterjagd erschossen. Im Tierparadies Schabenreith wird es nun aufgezogen.

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