Kochen aus dem Sackerl: Selberkochen für Bequeme

27. Oktober 2015, 15:23
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Vor ein paar Jahren war es chic, Rezepte und Zutaten in der Box zu bestellen – Heute gibt es nur noch wenige Anbieter

Wenn Simon Jackos Handy klingelt, dann ist es nicht etwa eine SMS seiner Freundin, sondern wahrscheinlich eine Bestellung, die gerade bei ihm eingegangen ist. Und schon wird das braune Papiersackerl mit Gemüse, Fleisch, Gewürzen und einer Rezeptkarte befüllt und ist kurze Zeit später beim Kunden. Der junge Deutsche mit Sneakern, Jeanshemd und Hipsterbrille führt seit ungefähr drei Jahren den Rezeptladen Feinkoch.

Wer hier einkauft, hat eine Mission – selbst kochen. Bequem darf es aber schon sein. Notwendige Zutaten werden grammgenau geliefert und motivieren sogar Kochmuffel, den Herd anzuwerfen, anstatt wieder gefüllte Paprika aus der Konserve zu wärmen oder eine labbrige Pizza vom Standl am Nachhauseweg mitzunehmen. Das Konzept dürfte aufgehen – vor allem im urbanen Raum. Man muss kein großer Meisterkoch sein, damit die Speisen am Ende so aussehen wie auf dem Foto der angehängten Rezeptkarte. Erfolgserlebnis garantiert.

Schritt für Schritt

Mongolisches Rind mit Brokkoli und Jasminreis hört sich aufwendiger an, als es dann letztendlich ist. Die Zutaten – unter anderem feinstes österreichisches Biorind – werden laut Anleitung Schritt für Schritt verarbeitet und machen nicht nur beim ersten Date mächtig Eindruck.

Ein ähnliches Konzept – wenn auch ohne Zustellung – verfolgen Sigrid und Michael Kitzinger in ihrem Bioladen Frau Holle in Grieskirchen. Hier bekommt man das Kochsackerl direkt in die Hand gedrückt und kann zu Hause nach Anleitung Biolebensmittel verkochen.

Der Kundenkreis der Sackerlkocher ist breit gestreut. Hier bestellt der Langzeitsingle mit mäßigen Kochfähigkeiten ebenso wie die Mutter, die tagsüber keine Zeit hatte, stundenlang die Supermarktregale abzusuchen und zu überlegen, was sie heute ihrer Familie kredenzen soll.

Kleine ganz groß

Die Idee scheint genial. Das dachten sich wohl auch einige Mitbewerber, und so gab es vor ein paar Jahren noch ein breites Angebot an Rezeptzustellern. Heute stößt man meist auf gähnende Leere, wenn man die Websites bekannter Unternehmen aufruft. Dass viele das Geschäft mit dem Versand von Kochsackerln und -boxen bereits nach kurzer Zeit wieder aufgegeben haben, liegt laut Jacko auch daran, dass Kunden oft spontan entscheiden, was sie heute essen wollen und nicht gerne am Montag bestimmen, was am Donnerstag auf den Tisch kommen soll. "Essen ist etwas Lustvolles und meistens eine Gefühlsentscheidung. Unsere Kunden wollen spontan bestellen. Und das ist auch möglich.

Die Zutaten und das Rezept sind spätestens eine Stunde nach der Bestellung beim Kunden. Mit vielen Kochbox-Konzepten ist spontanes Kochen nicht möglich", sagt der Unternehmer und meint damit Abosysteme, bei denen man meist schon Tage vorher entscheidet, was man kocht, um dann zeitgerecht alle Zutaten und Rezepte nach Hause zu bekommen. Das Feinkoch-Konzept, das derzeit nur in Wien angeboten wird, kommt gut an. Um die 50 Sackerln mit Zutaten und Rezepten gehen derzeit bei Jacko pro Tag über den Ladentisch.

Dass er sich nicht auf den reinen Versand spezialisieren wollte, sondern auch ein Shopkonzept mit Feinkostladen etabliert hat, dürfte wohl maßgeblich für den Erfolg verantwortlich sein. Schließlich will man wissen, wie das Geschäft aussieht, das einem die Lebensmittel liefert.

Im Abo kochen

Wie es beim reinen Zustellservice Kochabo aussieht, weiß man hingegen nicht, und man wird es als normaler Kunde wohl auch nie erfahren. Das ebenfalls vor ungefähr drei Jahren gegründete Start-up-Unternehmen versendet Kochboxen mit Rezepten in ganz Österreich. Die Logistik dahinter ist freilich eine ganz andere als jene von Jacko. Auch wenn man die Verkaufszahlen bei Kochabo lieber für sich behält, ist schnell klar, dass hier groß gedacht wird. Erst kürzlich wurde das Unternehmen vom deutschen Start-up-Riesen Marley Spoon gekauft, der bereits nach einem Jahr mit einem ähnlichen Konzept in den USA, Australien und den Niederlanden aktiv ist.

"Es war ein logischer Schritt, sich einen strategischen Partner zu suchen. Aus Kundenperspektive ändert sich nichts. Intern gibt es einige Erleichterungen wie die Rezeptplanung, die zentral in Berlin entsteht", sagt Matthias Embacher von Kochabo. Für viele Kunden ist das Abo-Modell attraktiver, weil sie nicht überlegen müssen und immer Zutaten und Rezepte zu Hause haben. Für Lebensmittel, die gekühlt werden müssen, verwendet man bei Kochabo Flaschen mit stillem Wasser. So hat man das Getränk zum Essen gleich dabei, und ökologisch ist es – im Vergleich zu dem vielen Verpackungsmaterial – obendrein. Damit ist auch der Vorreiter in Sachen Kochboxversand nach Deutschland abgewandert, selbst wenn die Logistik weiterhin in Österreich bleiben soll.

An einen Verkauf oder gar ein Investment durch Business-Angels denken die meisten kleinen Anbieter nicht. Und so gibt es immer mehr Geschäfte, die auch Eintöpfe und Suppen in Gläser abfüllen, die dann zu Hause mit ein paar Zutaten und einer Beilage ein herrliches Gericht ergeben. Auch wenn hier nur das Glas aufgeschraubt und der Inhalt erwärmt wird, ist es wohl allemal schmackhafter als die Tiefkühlpizza oder das Dosengulasch. (Alex Stranig, RONDO, 23.10.2015)

Feinkoch – Geschäft und Versand: www.feinkoch.org
Kochabo – Versand: www.kochabo.at
Frau Holle – Geschäft: www.holle-bioladen.at
Schwarzbergerhof – Geschäft: www.schwarzbergerhof.at

  • Simon Jacko hat vor drei Jahren in Wien-Mariahilf Feinkoch gegründet und bewusst auf Investoren verzichtet.
    foto: feinkoch

    Simon Jacko hat vor drei Jahren in Wien-Mariahilf Feinkoch gegründet und bewusst auf Investoren verzichtet.

  • Eine Mitarbeiterin packt die Sachen fürs Kochsackerl zusammen.
    foto: alex stranig

    Eine Mitarbeiterin packt die Sachen fürs Kochsackerl zusammen.

  • In der Regel sollte das Gericht  am Ende so aussehen  wie auf der Rezeptkarte.
    foto: feinkoch

    In der Regel sollte das Gericht am Ende so aussehen wie auf der Rezeptkarte.

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