Justin Trudeau: Ein Türsteher serviert Kanadas Wendekabinett ab

Kopf des Tages20. Oktober 2015, 17:39
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Der künftige Premier tritt in die politischen Fußstapfen seines Vaters

Richard Nixon hat es schon immer gewusst. "Heute möchte ich die Formalitäten beiseitelassen und auf den künftigen Premier Kanadas anstoßen: Justin Trudeau", sagte er 1972 bei einem Besuch in Kanada über den damals einjährigen Sohn des legendären kanadischen Regierungschefs Pierre Trudeau. Der heute 43-Jährige selbst war hingegen lange skeptisch. Nach einer Kindheit im Schatten des politischen Rampenlichts zog er sich zunächst aus der Öffentlichkeit zurück.

Dass seine eigene Karriereplanung eher ziellos zu verlaufen schien, hielt ihm der bisherige Premier Stephen Harper in Werbespots vor. Als unreifer "Snowboardlehrer", "Türsteher" und "Bungee-Jumping-Helfer" musste sich Trudeau, der in den 1990er-Jahren außerdem Lehrer und in den 2000er-Jahren Ingenieursstudent war, verunglimpfen lassen. Der Verdacht, dass es Harper nicht nur um den Sohn, sondern auch um den Vater ging, liegt nahe – der Kampf gegen Trudeaus liberales Gesellschaftsmodell schien für Harper immer auch eine persönliche Note zu haben.

Dabei war es gewissermaßen der Tod Pierre Trudeaus, der den Karrieren beider Konkurrenten Auftrieb verlieh. Harper, damals in Opposition, schrieb in der National Post einen beißenden Nachruf, in dem er Trudeau sen. vorwarf, das Land wirtschaftlich ruiniert zu haben. Trudeau jun. trat bei der Bestattung erstmals seit Jahren wieder auf die politische Bühne – mit einer bewegenden Trauerrede, die als ein Ausgangspunkt seiner eigenen politischen Laufbahn gilt.

Im Wahlkampf bewies der Filius, dass er mit der teils verklärten Erinnerung an den Vater auch taktisch klug umzugehen weiß: Der Ruf des multikulturell orientierten Linksliberalen erlaubte ihm, trotz gegenläufiger Positionen – Unterstützung für den Abbau von Ölsand und Kanadas umstrittenes Antiterrorgesetz – auch viele sozialdemokratische Wähler zu gewinnen. Seine offene Art ließ den Kontrast zum trockenen Harper bei jüngeren Wählern besonders schroff erscheinen.

Daneben arbeitete er mit Provokation: Unumwunden gibt er zu, noch 2010 als Abgeordneter gemeinsam mit seiner Frau Sophie Grégoire Marihuana geraucht zu haben – freilich als die drei Kinder "gerade aus dem Haus waren". Seinem Image als Familienmensch hat es eher geholfen als geschadet. Nun muss er beweisen, dass sich seine politische Cleverness auch in der Regierung gegen harte Opposition durchsetzen kann. (Manuel Escher, 21.10.2015)

  • Sieger der Wahl in Kanada: Justin Trudeau.
    foto: sean kilpatrick/the canadian press via ap

    Sieger der Wahl in Kanada: Justin Trudeau.

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