Tagung zu politischen Gender-Aspekten von Sprache in Wien

21. Oktober 2015, 17:43
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Soziolinguistin Deborah Tannen: "Wenn Journalisten über Frauen berichten, beginnen sie oft damit, ihr Aussehen zu beschreiben"

Wien – Wie politisch Sprache im Genderkontext ist, wird beim Symposium "Gender_Language_Politics" diskutiert, das am 22. und 23. 10. anlässlich des 650-Jahr-Jubiläums der Uni Wien stattfindet. Bei der von der Sprachwissenschafterin Ruth Wodak organisierten Tagung hält die amerikanische Soziolinguistin Deborah Tannen die Keynote – mit dem provokanten Titel "Beyond Sexism: Why journalists always write about women's hair and clothes – and probably always will".

"Wenn Journalisten über Frauen berichten, beginnen sie oft damit, ihr Aussehen zu beschreiben: Haare, Kleidung und Make-up. Das ist frustrierend, weil es impliziert, dass unser Aussehen wichtiger ist als unsere Leistungen", sagt die Professorin der Georgetown University, Washington, dem STANDARD. Warum das so ist, versucht sie mit dem linguistischen Konzept der Markedness, deutsch Markiertheit, zu deuten.

In Studien über die Kommunikation von Müttern und ihren erwachsenen Töchtern hat Tannen herausgefunden, dass Töchter sich oft darüber beschweren, dass ihre Mütter kritisch seien, während Mütter argwöhnen, sie dürften ihren Mund nicht aufmachen, weil ihre Töchter jeden Ratschlag als Kritik verstünden. Die großen Streitthemen seien dabei Haarstil, Kleidung und Gewicht. "Es ist kein Zufall, dass es dieselben Eigenschaften sind, auf die sich Journalisten konzentrieren, wenn sie über Frauen berichten."

Das Konzept der Markiertheit beschreibt natürliche, einfache Phänomene. Im Englischen sind das die Gegenwart oder der Singular: Hierfür wird die Grundform verwendet, wohingegen Zukunft, Vergangenheit oder der Plural "markiert" werden müssen. Umgelegt auf das Aussehen von Frauen und Männern heißt das für Tannen: Jede Wahl, die Frauen treffen, ist markiert, während nur Männer die Möglichkeit haben, neutral zu bleiben. (trat, 21.10.2015)

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