Fahrerlose Autos kommen leise, aber schnell auf uns zu

26. Oktober 2015, 12:00
297 Postings

Experten rechnen weltweit bis 2020 mit einer automobilen Revolution. In der Steiermark wird eifrig mitgeforscht

Graz – Automatisiertes Fahren, also die Fortbewegung in Autos, die uns führen, ohne dass wir sie lenken, klingt für die meisten Menschen noch immer nach Zukunftsmusik, die sich als Soundtrack für einen Science-Fiction-Film eignet. Aber automatisiertes Reisen ist nicht nur längst Teil unseres Alltags, etwa wenn wir unser Schicksal bei einem Linienflug dem Autopiloten anvertrauen – die Idee selbstfahrender Autos ist auch nicht gerade neu.

Vor 90 Jahren, im August 1925, sorgte ein per Funk ferngesteuertes Auto namens "American Wonder" am New Yorker Broadway für Aufsehen. Francis P. Houdina, ein Elektrotechniker im Dienste des US-Militärs, präsentierte es. Das Vehikel krachte in einen Wagen mit Kameraleuten. Doch selbst Houdinas Wunderauto soll nicht das erste gewesen sein, dass fahrerlos in Richtung Zukunft aufbrach. Schon 1921 sollen Probefahrten auf einem Testgelände der Luftwaffe durchgeführt worden sein.

Die Technik hat sich seit damals natürlich weiterentwickelt. Die Skepsis vieler Menschen gegenüber selbstfahrenden Autos blieb. Dabei kommt automatisiertes Fahren schon jetzt in Autos zum Einsatz: Assistenzsysteme hindern Fahrer daran, unbeabsichtigt die Spur zu verlassen, sorgen dafür, dass man genügend Abstand hält oder nicht zu schnell fährt.

Die Forschung arbeitet an diversen Komponenten, die man zum autonomen Fahren brauchen wird. Und das nicht nur hinter verschlossenen Labortüren. Selbstfahrende Autos rollen schon durch die Landschaften Europas und Nordamerikas – oder sind kurz davor, das zu tun.

Weltweit lenkerlos unterwegs

So etwa in unserem Nachbarland Deutschland, wo auf der A9 zwischen Ingolstadt und Nürnberg ein Testfeld im Entstehen ist. Hier sollen Autos mit Assistenzsystemen getestet werden können, später auch voll automatisierte.

In den Niederlanden werden fahrerlose Vehikel ab November in der Region Gelderland zwischen den Städten Wageningen und Ede pendeln. Die Strecke umfasst rund sieben Kilometer. Die hier losgeschickten sogenannten WEpods sehen aus wie eine Kreuzung aus Kleinbus und Golfcaddy und bieten sechs Personen Platz, die sich gegenübersitzen. Sie sind elektrisch betrieben und mit Kameras, Laser, Radar und GPS ausgerüstet. Per App kann man sich seine Fahrt bestellen.

Auch in Rotterdam gibt es im öffentlichen Verkehr schon autonome Fahrzeuge, allerdings mit gemächlichen 25 km/h und auf eigenen Straßen. In Gelderland wird man sich hingegen im ganz normalen Verkehr bewegen.

In Schweden hat man bereits vor einigen Monaten ein weitläufiges Testzentrum eröffnet, wo reale Verkehrssituationen imitiert werden. Es befindet sich in Boras und umfasst zwei Millionen Quadratmeter. Hier kann man die pittoreske Landstraßenpartie ebenso ausprobieren wie das Fahren auf Autobahnabschnitten. Der schwedische Automobilbauer Volvo, der das Gelände nutzt, hat versprochen, dass ab 2020 kein Passagier in einem seiner Autos tödlich verunglücken wird. Und in Österreich hat zuletzt in Alpbach das Verkehrsministerium "selbstfahrende Autos" als Schwerpunkt ausgerufen.

Das Jahr 2020 ist in der Automobilbranche international eine Art Ziellinie – auch in der Steiermark, wo man beim Autocluster AC Styria mit seinen rund 220 Partnerbetrieben hofft, bald das ganze Bundesland als Testregion nutzen zu können. In der kanadischen Provinz Ontario, wo ebenfalls Werke vieler Autobauer, etwa Fiat-Chrysler, Ford, General Motors, Honda und Toyota, stehen, ist das bald so. Ab 1. Jänner 2016 dürfen zwischen Hudson Bay und Niagarafällen selbstfahrende Autos auf normalen Straßen unterwegs sein.

Beim AC Styria wünscht man sich die Testregion bis 2020 noch für Fahrzeuge, bei denen der Fahrer im Ernstfall eingreift, ab 2030 für voll automatisiertes Fahren.

Warum 2020? "Wir werden in den nächsten fünf bis zehn Jahren eine Automobilrevolution erleben", sagt Franz Lückler, Geschäftsführer des Autoclusters, im Standard-Gespräch. "Unsere Autos werden sich so stark verändern wie vielleicht in den letzten 20 Jahren nicht."

Weniger Staus und Unfälle

Daher drängt Lückler mit den großen Playern im Autocluster, etwa dem Entwickler von Antriebssystemen AVL List oder dem Hersteller von High-End-Leiterplatten AT&S, auf rasche Umsetzung der Testregion, "damit wir vor der Haustüre testen können, was wir hier entwickeln", so Lückler. Leiterplatten etwa sind notwendig für die Umsetzung sämtlicher Sensoren bei automatisierten Fahrzeugen, etwa in Kamerasystemen und Radarsensoren, oder für zentrale Fahrerassistenz-Hochleistungsrechner, die noch in der Entwicklungsphase sind.

Andreas Gerstenmayer ist CEO von AT&S und Vorsitzender des Forschungsrats Steiermark. Er sieht das autonome Fahren "vor allem in den urbanen Zentren", wo es "wesentlich zur Reduktion von Staus und im Überlandverkehr zu einer Senkung der Unfallrate beitragen" könne. Über 90 Prozent der Unfälle werden nämlich durch Fahrerfehler verursacht. Die häufigsten Ursachen: Telefonieren, Essen, Schminken. Das Unternehmen TAGnology in Lieboch bei Graz entwickelt Near-Field-Communication-Technologien (NFC) zum kontaktlosen Übertragen von Daten. Der Laie kennt NFC von Bankomatkassen, zu denen Karten nur mehr hingehalten werden müssen.

Im ebenfalls nicht weit entfernten Grambach sitzt ein Nasa-Zulieferer: Der 1989 gegründete Messtechnikspezialist Dewetron holte sich nicht nur einen millionenschweren Auftrag für die Raumfahrt, sondern ist auch für selbstfahrende Autos aktiv.

Die F&E-Quote des Autoclusters liegt bei 11, 6 Prozent, wovon die gesamte Steiermark profitiert: Hier liegt die Quote mit 4,8 Prozent auf Platz zwei der 274 EU-Regionen. Daran sind außeruniversitäre und universitäre Forschungsstätten beteiligt. So beherbergt etwa die TU Graz einen Fahrsimulator für autonomes Fahren. Joanneum Research und die Fachhochschule Joanneum befassen sich ebenfalls mit Fahrzeug- und Flugtechnik.

Auch Institute, von denen man es nicht erwarten würde, forschen für die Sache: Auf der Zoologie der Grazer Karl-Franzens-Uni macht man sich den sprichwörtlichen sechsten Sinn der Heuschrecken zunutze. Wanderheuschrecken reagieren auf Gefahren zehnmal schneller als Menschen. Daher wird mit Unterstützung des Wissenschaftsfonds FWF interdisziplinär ein Kollisionsdetektor entwickelt, der mit artifiziellen Heuschreckenaugen bestückt ist. (Colette M. Schmidt, 26.10.2015)

  • Teilweise automatisiertes Fahren ist längst Alltag im Straßenverkehr.
    illustration: fatih aydogdu

    Teilweise automatisiertes Fahren ist längst Alltag im Straßenverkehr.

Share if you care.