Vom richtigen Umgang mit fragwürdigen Exponaten

26. Oktober 2015, 17:12
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Rechtmäßiger Besitz von Museen und Ausstellungen sensibler Objekte wurden bei einer Tagung in Wien diskutiert

Wien – Seit der Mensch die Erde bewohnt, hinterlässt er Spuren. Anthropologisch-ethnologische Museen sammeln diese Spuren – von antiken Terrakotten über zeremonielle Masken bis hin zum Legostein, um uns vergangene Epochen und fremde Kulturen näherzubringen. Damit ist die museale Arbeit aber nicht vorbei. Weil an ein solches Sammeln politische und moralische Entscheidungen geknüpft sind, muss es beständig hinterfragt werden, wie bei der Tagung "Museum und Ethik" diskutiert wurde, die vergangene Woche vom Institut für Wissenschaft und Kunst (ikw) im Museum für Volkskunde in Wien veranstaltet wurde.

Fragen zum rechtmäßigen musealen Besitz und zum angemessenen Ausstellen von sensiblen Objekten standen bei der von Regina Wonisch, Leiterin des Forschungszentrums für historische Minderheiten und Mitarbeiterin des Instituts für Hochschulforschung der Uni Klagenfurt, konzipierten Tagung im Vordergrund.

Wie komplex der Umgang mit religiösen Objekten sein kann, zeigte Barbara Plankensteiner von der Kunstgalerie der amerikanischen Universität Yale, die zuvor für das Weltmuseum Wien tätig war. Ethnologische Sammlungen wollen auf die Werte der Herkunftsländer Rücksicht nehmen und mit Dingen, die dort beseelt oder heilig sind, respektvoll umgehen. So kommt es vor, dass Ausstellungsstücke für religiöse Zeremonien verliehen werden. Diese Zeremonien können wiederum den Prinzipien der säkularen Gesellschaft widersprechen wie etwa Gleichberechtigung der Geschlechter, sagte Plankensteiner.

Auch bei Fragen der Konservierung prallen unterschiedliche Ansprüche des Museums aufeinander: "Wir wollen diese Objekte zugänglich machen und sie reisen lassen", sagte Barbara Plankensteiner. Das widerspreche den immer strengeren Konservierungsansprüchen.

Ethik-Codex für Museen

Janet Marstine, die Direktorin der School of Museums Studies an der englischen Uni Leicester, thematisierte die geplante Überarbeitung der ethischen Richtlinien der internationalen "Museums Association". Im noch gültigen Text fingen viele Paragrafen mit Imperativen wie "Verhindere", "Verweigere" und "Melde" an. "Dieser autoritäre, statische Ethik-Codex steht einer aktiven Rolle des Museums im Weg und verhindert, dass komplexe moralische Fragen gestellt werden", sagte Marstine. Der neue Codex soll anhand von Fallstudien zu einer Auseinandersetzung anleiten. Als einen solchen diskussionsbedürftigen Fall nannte Marstine ein Beispiel aus Wien: 2010 stellte das Kunsthaus in einer Ausstellung eine Aufnahme von Lewis Caroll aus, die das kleine Mädchen Alice zeigt, das ihn für sein berühmtes Buch inspirierte. Vor dem Hintergrund der Spekulationen über Carolls pädophile Neigungen wird diese Aufnahme zu einem fragwürdigen Ausstellungsstück.

Um sensible Objekte ging es auch der Anthropologin Margit Berner vom Naturhistorischen Museum Wien (NHM). Sie stellte ihr Buch Sensible Sammlungen vor, das sie mit den Kulturwissenschafterinnen Anette Hoffmann und Britta Lange schrieb. Die Forscherinnen plädieren darin für ein erweitertes Verständnis dessen, was im Museumskontext als "sensibel" gilt. Neben menschlichen Überresten und Objekten mit religiöser Bedeutung seien auch Fotos, Tonaufnahmen oder Filme als sensibel einzustufen, wenn sie unter prekären Umständen gemacht wurden. Als Beispiel zeigte Berner Fotografien aus der anthropologischen Sammlung des NHM: von den Nazis aufgenommene Porträts von Häftlingen des NS-Kriegsgefangenenlagers Stalag XVIII A in Kärnten. In diesem Fall entschied man sich für eine "virtuelle Öffnung" des Depots. Die Bilder wurden einem Nachfahren eines Kriegsgefangenen zu Verfügung gestellt, der auf seiner Website Hintergründe rund um Stalag XVIII A versammelt.

Über eine andere Form der virtuellen Öffnung eines Museums sprach Paul Basu von der University of London. Der Anthropologe kritisierte den Kontrast zwischen prächtigen Sierra-Leone-Sammlungen in internationalen Museen und dem eigenen Nationalmuseum des verarmten westafrikanischen Landes, das einzelne verstaubte Objekte zeigt. Für Sierra Leone ist die Diaspora ein wichtiger Geldfaktor: In reichere Länder Ausgewanderte schicken Geld nach Hause. Analog dazu überlegte sich Basu, aus wie westlichen Museen kulturell Wertvolles zurück nach Afrika gelangen könnte. Es entstand die Website SierraLeoneHeritage.org, die Fotos von den verstreuten Ausstellungsstücken und Videos über kulturelle Praktiken zugänglich macht. (Julia Grillmayr, 26.10.2015)

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