Das raffinierte Jagdverhalten der Zitteraale

20. Oktober 2015, 20:24
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Stromstöße werden nicht nur zur Betäubung, sondern auch zur präzisen Lokalisierung der Beute genutzt

Nashville/Wien – Der Zitteraal Electrophorus electricus ist ein außergewöhnlicher Raubfisch: Um seine Beute zu betäuben, kann er Stromstöße mit einer Spannung von über 600 Volt erzeugen. Alexander von Humboldt erfuhr das während seiner abenteuerlichen Südamerika-Expedition Anfang des 19. Jahrhunderts am eigenen Leibe: "Ich erinnere mich nicht, jemals eine so furchtbare Erschütterung erfahren zu haben (...). Ich litt den ganzen Tag unter heftigen Schmerzen in den Knien und fast allen Gelenken", notierte der berühmte Universalgelehrte damals in sein Notizbuch.

Der Aal, der eigentlich gar kein Aal ist, sondern in die Ordnung der Neuwelt-Messerfische gehört, besitzt elektrische Organe, die fast seinen ganzen Körper bedecken. Er nutzt sie aber nicht nur als Betäubungsgewehr, sondern auch, um die betäubte Beute aufzuspüren, berichtet eine aktuelle Studie im Fachblatt "Nature Communications".

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Der Zitteraal Electrophorus electricus auf Beutefang (Video: Kenneth Catania).

Der Lebensraum des Zitteraals sind schlammige und sauerstoffarme Flusssysteme im nördlichen und mittleren Südamerika. Sucht der Aal nach Beute, gibt er paarweise schwache elektrische Impulse ab. Kreuzt ein Beutetier das elektrische Feld, zuckt dessen Körper, ein für den Aal wahrnehmbares mechanisches Signal. Der Räuber holt daraufhin zum finalen Schlag aus: Er stößt eine Salve starker und in ihrer Frequenz ansteigender Stromstöße aus, um sein Opfer zu betäuben. Dann braucht er die Mahlzeit eigentlich nur noch durch ein Aufreißen des Maules und eine rasche Einsaugbewegung zu verschlingen. Doch wie kann der Räuber, mit dessen visuellen Fähigkeiten es ja nicht so weit her ist, die nun völlig reglose Beute in dem trüben Wasser aufspüren?

Im Trüben fischen

Um dieses Rätsel zu lösen, führte das Wissenschafterteam um Kenneth Catania der Vanderbilt University in Texas mehrere Experimente durch. Ein toter Beutefisch wurde in einem Plastiksack und somit elektrisch isoliert in ein Becken mit einem Zitteraal gesetzt. Durch einen Mechanismus konnten die Wissenschafter den Fisch zucken lassen. Dieser mechanische Reiz löste den Stromangriff des Aals aus, die erwartete Einsaugbewegung zum Verschlingen der Beute blieb aber aus. Erst wenn ein elektrischer Leiter in Form eines Metallstabes hinzugelegt wurde, versuchte der Fisch, die mutmaßliche Beute auch zu verschlingen.

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Ein mechanischer Reiz löst den Stromangriff des Aals aus. Aber erst mit elektrischem Leiter in Form eines Metallstabes versucht der Fisch, die mutmaßliche Beute auch zu verschlingen (Video: Kenneth Catania).

Diese Ergebnisse zeigen, dass die Stromstöße der Zitteraale nicht nur als Waffe dienen, sondern auch ein raffiniertes Leitsystem für ihre Angriffe bilden. Denn durch den Stromschlag ist das Beutetier zwar gelähmt, ein Absinken oder Abdriften im Wasser wird aber nicht verhindert. Der Angreifer braucht also ein weiteres sensorisches Feedback, um die Beute zu lokalisieren und gezielt einsaugen zu können. Ein mechanisches Signal allein könnte dabei irreführend sein, da es auch durch eine andere Quelle als die Beute, etwa durch den Aal selbst, ausgelöst werden könnte.

Einen vergleichbaren Mechanismus zu den hochfrequenten Stromstößen der Zitteraale sehen die Forscher übrigens in der Echoortung von Fledermäusen: Auch sie nutzen beim finalen Anflug auf ihre Beute ein Ultraschallsignal in ansteigender Frequenz. (Renate Degen, 21.10.2015)

  • Der Zitteraal nutzt Elektrizität auch zum Aufspüren der Beute.
    foto: ken catania

    Der Zitteraal nutzt Elektrizität auch zum Aufspüren der Beute.

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