Kämpferin für mehr Chancengleichheit

26. Oktober 2015, 12:14
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Die Soziologin Juliet Tschank entwickelt neue Zugänge zur Basisbildung

Sozialarbeit, sagt Juliet Tschank, habe sie schon als Schülerin geleistet. Dabei sei ihr aber auch bewusst geworden, dass man die Situation der Menschen auf diese Art nur im Augenblick, nicht aber langfristig verbessern könne. Das war noch in ihrer Heimat Kenia, wo sie als Tochter eines Österreichers und einer Kenianerin in einem kleinen Dorf aufwuchs.

Nach der Matura ging sie nach Manchester, um Soziologie und Internationale Beziehungen zu studieren. Tschank war überzeugt, dass man soziale Verhältnisse nur nachhaltig verändern kann, wenn man sie bis in ihre Tiefenstrukturen hinein versteht. In ihrer Masterarbeit befasste sie sich mit dem ungleichen Zugang von Minderheiten in Kenia zu Land. Ungleichheit ist auch das zentrale Motiv ihrer Arbeit am Zentrum für Soziale Innovation (ZSI) in Wien. Mittlerweile leitet die 27-Jährige dort mehrere Projekte im Bereich Basisbildung, bei denen es letztlich auch um die ungleiche Verteilung von Chancen und Lebensqualität geht.

"Es hat mich sehr überrascht, dass es in Österreich so viele Menschen gibt, die hier zur Schule gingen und trotzdem nicht lesen und schreiben können", so Tschank. "Um die Situation dieser Leute zu verbessern, muss man erst einmal an sie herankommen – und das ist eine der größten Hürden." Ist doch Analphabetismus ein sehr schambesetztes Thema für die Betroffenen. Es bedarf also spezieller Methoden der Kontaktaufnahme und der Ermittlung ihrer konkreten Probleme und Bedürfnisse.

In Kooperation mit Erwachsenenbildungseinrichtungen entwickelt die junge Wissenschafterin nun diese Methoden. "Betroffene für Bildungsmaßnahmen zu gewinnen ist sehr schwierig", sagt Tschank. "Deshalb muss man die vorhandene Expertise systematisch erfassen und verbreiten." Zudem sei es wichtig, das soziale Umfeld der Betroffenen für das Thema Bildungsbenachteiligung zu sensibilisieren und über Lernangebote zu informieren.

In.education heißt das Projekt, in dem die ambitionierte Sozialwissenschafterin erforscht, wie dies am wirksamsten erfolgen kann. In einem anderen ihrer Projekte erfasst sie das implizite Wissen erfahrener Erwachsenenbildner in Hinblick auf antidiskriminatorische und rassismuskritische Kommunikation mit Kursteilnehmern. Aus dem gesammelten Know-how soll schließlich ein Weiterbildungsangebot für Lehrende im Basisbildungsbereich entstehen.

Dass sie in Österreich forscht, war nicht geplant. "Eigentlich wollte ich nur das neue Baby meines Bruders besuchen, der mit seiner Familie in der Nähe von Graz lebt", erinnert sie sich. "Ich hatte zu dieser Zeit in England und Kenia einige Bewerbungen laufen, und weil ich nun in Österreich war, bewarb ich mich halt auch hier für Praktika."

Im Moment arbeitet sie an fünf Forschungsprojekten gleichzeitig. Doch das scheint sie nicht weiter zu stressen. Vielleicht weil bei ihr alles ein bisschen schneller und leichter geht als bei vielen anderen? Die Vermutung liegt nahe – schließlich beherrscht sie nach knapp dreieinhalb Jahren ihre "Vatersprache", in der ihr Vater nie mit ihr sprach, besser als die meisten nach einem Jahrzehnt.

"Als ich im Frühling 2011 nach Österreich kam, konnte ich gerade mal 'Grüß Gott' und 'Auf Wiedersehen' sagen." (Doris Griesser, 26.10.2015)

  • Aufgewachsen in Kenia, Studium in England und nun in Wien Projektleiterin: Juliet Tschank.
    foto: zsi

    Aufgewachsen in Kenia, Studium in England und nun in Wien Projektleiterin: Juliet Tschank.

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