Adipositas wird in die Wiege gelegt

25. Oktober 2015, 15:20
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Wissenschafter an der Grazer FH Joanneum versuchen dem Problem auf die Spur zu kommen. Sie vermuten, dass die frühe Geschmacksprägung eine zentrale Rolle spielt

Graz – Wissenschafter und Politiker sehen das fette Problem seit Jahren zunehmen und fühlen sich dennoch irgendwie rat- und machtlos. Die Zahl der Übergewichtigen und auch der wirklich Fettleibigen – mit BMI-Index über 30 – nimmt trotz boomender Zuckerlos- und Low-Fat-Industrie ständig zu.

2014 stieg der Anteil der fettleibigen Erwachsenen in den USA einer Gallup-Umfrage zufolge von 27,1 auf 27,7 Prozent – der höchste jemals eruierte Wert. 2005 lag der Anteil noch bei 25,5 Prozent. Die volkswirtschaftlichen Kosten, so schätzen Ökonomen, belasten das amerikanische Gesundheitssystem durch die entstehenden Folgekrankheiten mit hunderten Milliarden Dollar. Denn wer zu viel auf die Waage bringt, trägt bekanntlich das große Risiko in sich, an Diabetes, Krebs oder einem Herz-Kreislauf-Leiden zu erkranken. Jüngste Zahlen aus entsprechenden EU-Studien legen nahe, dass die Adipositasproblematik allmählich auch in Europa und somit in Österreich amerikanische Dimensionen annimmt.

Geschmacksprägung

Auf dem weiten Feld der Adipositasforschung versucht jetzt ein interdisziplinäres Wissenschafterteam an der Grazer FH Joanneum einen bisher noch eher unbeachteten Zugang zu der Problematik zu finden. Sie wollen in der Adipositasprävention und -therapie eine Lücke schließen, indem sie den Fokus auf die metabolische Programmierung, sozusagen die frühkindliche Prägung, legen. "Dabei ist für uns das Forschungsfeld der Geschmackssensorik von besonderem Interesse, da sich schon in der Schwangerschaft eine frühkindliche Geschmacksprägung feststellen lässt. Man kann davon ausgehen, dass sich Geschmackserfahrungen des Kindes prägend auf das Ernährungsverhalten im weiteren Leben auswirken. Das heißt, es ist sinnvoll, früh einzugreifen, um präventiv einer Adipositasentstehung entgegenwirken zu können", sagt Bianca Neuhold, Leiterin des fünfjährigen interdisziplinären Forschungsprojekts am neuen Health Perception Lab an der Grazer FH Joanneum.

Wie wichtig es ist, früh einzugreifen, illustrieren wissenschaftliche Schätzungen der University of Auckland, denen zufolge in den USA Kinder heute im Schnitt fünf Kilogramm mehr wiegen als ihre Altersgenossen vor 30 Jahren.

Es gehe im laufenden Pilotprojekt um den Versuch, neue sensorische Methoden zu entwickeln um mögliche Verbindungen zwischen dem Essverhalten der Mutter und den Nahrungsvorlieben der Kinder herzustellen.

Die Hypothese: Neben all den lerntheoretischen oder genetischen Erklärungsversuchen spielt beim Entstehen von Übergewicht und Fettleibigkeit die schlechte Ernährungsgewohnheit der Mutter eine zentrale Rolle. Die Forschergruppe will dies hier im neu eingerichteten, fast familiären Labor der FH in der Eggenberger Allee über Geschmackswahrnehmungen der Mütter und Babys untersuchen.

Konkret werden 60 Schwangere zu diesem Zweck über einen längeren Zeitraum vor und nach der Geburt ihres Kindes begleitet. Geschmackspräferenzen sowie Gewichtsentwicklung werden untersucht, das Ernährungsverhalten festgehalten, Blut- und Stuhlproben genommen, anschließend soll auch die Muttermilch analysiert werden.

Schließlich wird die Geschmacksschwelle der Probanden untersucht, also jene untere Grenze der Skala von Geschmackstoffkonzentrationen, die noch wahrgenommen werden können.

Getestet wird mit festgelegten Konzentrationen von Geschmacksstofflösungen wie "süß" oder "salzig" zur Bestimmung der jeweiligen Geschmacksempfindlichkeit. Ein Stück Papier wird zu diesem Zweck mit der Lösung getränkt und auf die Zunge gelegt.

Babytracker

Ein Schwerpunkt liegt natürlich auf den Babys. Mit einem Babytracker werden mimische und gestische Reaktionen des Kindes auf Lebensmittelstimuli aufgezeichnet und interpretiert.

Analysiert wird auch die Muttermilch. Neuhold: "Bezüglich der Muttermilch gibt es Aromastoffe, von denen man aus Studien weiß, dass sie in die Muttermilch übergehen. Zu diesen gehören beispielsweise Knoblauch, Minze oder auch Vanille." Man findet aber auch bereits im Fruchtwasser bestimmte Aromastoffe aus der Nahrung der Mutter, sagt Projektleiterin Neuhold.

In einer Studie bevorzugten Babys, deren Mütter im dritten Schwangerschaftstrimester dazu angehalten waren, Karottensaft zu trinken, Getreidebrei, der mit Karottensaft vermengt wurde. Sie mochten das Karottenaroma im Gegensatz zu anderen Babys, die diesen frühen Kontakt mit Karottengeschmack nicht hatten.

"Die erste Geschmacksprägung des Menschen erfolgt also schon im Mutterleib sowie in den ersten Lebensmonaten. Wir wollen genau diese Mechanismen untersuchen, und das so interdisziplinär wie möglich", sagt Neuhold

Die Daten werden in diesen interdisziplinären Arbeitsgruppen zusammengetragen, Experten der Medizinischen Universität Graz sind ebenfalls daran beteiligt. Erste Ergebnisse sollen schon 2016 vorliegen.

Geruchstraining

Das Health Perception Lab soll sich aber noch in ganz anderen Anwendungsbereichen in der Sensorikforschung etablieren. So will man zum Beispiel in den "Sensorikkabinen" des Lab Therapien entwickeln, um abnehmende Geschmacks- und Geruchsempfindungen bei alten Menschen wieder auf Trab zu bringen.

Ein wichtiger ernährungspädagogischer Aspekt, zumal mit erhöhter Geschmacksempfindung letztlich auch Mangelernährungen vorgebeugt werden könnten, sagt Bianca Neuhold. Entsprechende Trainings werden unter anderem auch für Krebspatienten entwickelt. (Walter Müller, 25.10.2015)

  • Der Kampf gegen die Adipozyten (Fettzellen) sollte schon in Babyalter beginnen: mit der richtigen Ernährung, die Übergewicht und Fettleibigkeit erst gar nicht entstehen lässt.
    foto: foto: picturedesk / steve gschneissner

    Der Kampf gegen die Adipozyten (Fettzellen) sollte schon in Babyalter beginnen: mit der richtigen Ernährung, die Übergewicht und Fettleibigkeit erst gar nicht entstehen lässt.

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