Wie Holocaustüberlebende ihr Trauma weitergeben

23. Oktober 2015, 08:00
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Soziale Interaktion, Erziehung und genetische Veränderungen spielen eine Rolle dabei, wie Traumata von Holocaustüberlebenden in deren Nachkommen fortbestehen

Wien – 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs versetzt das Sterben der Zeitzeugen die Forschung dazu in eine unangenehme Situation: Während viele Fragen unbeantwortet bleiben, gibt es immer weniger Menschen, die aus erster Hand Auskunft geben können. Besonders betrifft das die Forschung, die direkt bei den Überlebenden und ihren Erfahrungen ansetzt, wie die Traumaforschung.

Ein Aspekt dieser Forschung, der von der Vergangenheit bis in die Gegenwart reicht, und dem vor allem in den vergangenen Jahren zunehmend Aufmerksamkeit geschenkt wurde, ist, wie Holocaustüberlebende ihr Trauma an ihre Kinder und Enkel weitergeben. Natan Kellermann, Leitender Psychologe am National Israeli Center for Psychosocial Support of Survivors of the Holocaust and the Second Generation, unterscheidet vier Faktoren, die dabei eine Rolle spielen: psychodynamische, soziokulturelle, familiäre und biologische Aspekte.

Identitätskrise und Opferrolle

In der zweiten Generation kann sich das Holocausttrauma unterschiedlich bemerkbar machen. Als eine mögliche Ausprägung nennt Kellermann Identitätsprobleme, eine Überidentifikation mit der Opferrolle der Eltern und ein Gefühl der Last, Ersatz für die Verwandten zu sein, die nicht überlebt haben. Als Beispiel nennt Kellermann dafür in einer seiner zahlreichen Publikationen zu dem Thema eine Erzählung des Sohns von Holocaustüberlebenden, Dave Greber, der seine Situation wie folgt beschrieb:

"Manchmal war ich jeder und alles, was sie verloren hatten. Ich war nicht David, sondern die Brüder meines Vaters Romek und Moishe und Adamek und sein Vater David; meine Schwestern wurden nach ihren Großmüttern und Tanten Sarah und Leah und Bella und Molly benannt, die meine Eltern zum letzten Mal gesehen hatten, als sie für den Transport zu den Lagern geholt wurden, aus denen sie nie wieder zurückkamen. Sechs Millionen Tote zu repräsentieren ist eine große Verantwortung und eine furchtbare Last für ein Kind."

Eine weitere Ausprägung des Traumas, mit dem Kinder von Holocaustüberlebenden zu kämpfen haben, sieht Kellermann in der Kognition: In Gesprächen mit Betroffenen begegnete ihm immer wieder die Angst vor einem erneuten Holocaust und das Auftreten von Stresszuständen bei Stimuli, die den Holocaust symbolisieren.

Mentales Fotoalbum

Als Beispiel dafür nennt er eine Erzählung von Chani Kurtz: "Ich habe tatsächlich immer noch Probleme, meinem Kind Kleidung mit vertikalen Streifen zu kaufen. Ist das dumm? Vielleicht. Aber in dem Fotoalbum meiner Eltern gab es eine Aufnahme meines Vaters in seinem Konzentrationslager-Gewand. Dieses Foto trage ich in meinem mentalen Album."

Neben affektiven Problemen wie der Angst vor Auslöschung oder Albträumen, traf Kellermann bei den traumatisierten Nachkommen auf gestörte zwischenmenschliche Beziehungen wie übertriebene Familienzugehörigkeit und -abhängigkeit. Er zitiert Helen Metro, die ein Treffen von Kindern von Holocaustüberlebenden beschreibt:

"Wir trafen uns, um über unsere Fähigkeit und Unfähigkeit zu lieben zu sprechen. Nicht alle von uns hatten Väter, die ihre Söhne verprügelten, wenn sie mit schwarzen Lederstiefeln nach Hause kamen. Nicht alle hatten Mütter, die uns hinausekelten, als wir Teenager waren, weil sie selbst überlebt haben, als sie ihre eigenen Mütter mit 15 Jahren in den Lagern aufgegeben haben. Nein, die meisten von uns hatten Eltern, die zu viel liebten, die uns mit ihrer Liebe erstickten, ihrer Fürsorge, ihrer allgegenwärtigen, allumfassenden Angst."

Was Kellermann und andere Traumaforscher aktuell besonders interessiert, ist die Frage, inwiefern sich die Weitergabe von Holocausttraumata genetisch nachweisen lässt. Eine führende Forscherin auf diesem Gebiet ist Rachel Yehuda vom Mount Sinai Hospital in New York. Gemeinsam mit Elisabeth Binder, Direktorin am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München, veröffentlichte sie im August eine Arbeit, bei der sogenannte epigenetische Veränderungen bei Holocaustüberlebenden und deren Kindern nachgewiesen werden konnten. In der Epigenetik geht man davon aus, dass Umwelteinflüsse wie Rauchen oder Erziehung die Gene eines Kindes verändern.

Im Zentrum der Studie stand das Gen FKBP5, das in Zusammenhang mit Trauma, posttraumatischen Belastungsstörungen und Depression zu stehen. "Dieses Gen ist wichtig in der Stressregulation, Veränderungen sind mit einem Krankheitsrisiko verbunden", sagt Binder, die für die molekularen Analysen zuständig war, zum STANDARD.

Wettlauf gegen die Zeit

Einerseits konnte der Austausch einer Base in der DNA-Sequenz nachgewiesen werden. Diese ist dafür zuständig, dass das Gen FKBP5 mehr oder weniger auf Stress anspringt. Anderseits konnten epigenetische Veränderungen festgestellt werden, also Veränderungen, die nicht die Sequenz an sich betrafen, jedoch die Ablesbarkeit. Sowohl bei den Holocaustüberlebenden als auch bei ihren Kindern wurden diese Veränderungen gefunden. So ist zwar klar: "Das Trauma der Eltern löst Veränderungen in den Molekülen der Kinder aus", sagt Binder. Unklar bleibt, wie diese Weitergabe funktioniert. Möglicherweise handelt es sich um Vererbung über Ei- und Samenzellen, möglicherweise findet die Weitergabe in der Schwangerschaft statt oder bei der Interaktion der Kinder mit ihren Eltern.

Auch ein österreichisches Forschungsprojekt unter der Leitung von Elisabeth Raab-Steiner vom FH Campus Wien hat zuletzt die Situation von Holocaustüberlebenden in Österreich analysiert, mit der Frage, inwiefern das Beratungs- und Betreuungsangebot des psychosozialen Zentrums Esra hilfreich ist. Dieses unterstützt Betroffene der NS-Verfolgung und deren Nachkommen bei der Bewältigung ihrer Traumata.

Auf welche Weise das Holocausttrauma tatsächlich von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird und wie sich daraus mögliche Präventionsmethoden ableiten lassen, wird aktuell in Studien weltweit erforscht – im Wettlauf gegen die Zeit. (Tanja Traxler, 22.10.2015)

  • Die Erinnerungen an den Holocaust hinterlassen auch bei Nachfahren ihre Spuren. Im Bild die Holocaustgedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.
    foto: ap / sebastian scheiner

    Die Erinnerungen an den Holocaust hinterlassen auch bei Nachfahren ihre Spuren. Im Bild die Holocaustgedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.

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