Slavoj Žižek: "Der Kapitalismus braucht die Demokratie nicht mehr"

Reportage22. Oktober 2015, 05:30
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Vom Hundertsten ins Tausendste und doch bei der Sache: eine Tour de force des slowenischen Philosophen Mitte Oktober an der New York University

Avital Ronell hat sich auf ihre Einführungsrede gut vorbereitet. Sie heißt den Gast des Abends willkommen, "my favorite Slav and slave, my Slavoj". Beide haben die Bühne eines Kinosaals der New York University bestiegen: die Jacques-Derrida-Professorin Ronell, über die Landesgrenzen hinaus bekannte Philosophin an der NYU, Performance-Künstlerin, Feministin und Germanistin, und der mindestens so umtriebige Philosoph, Soziologe, Polemiker, deklarierte Kommunist und Filmexperte Slavoj Žižek aus Slowenien, ebenfalls hier Professor.

Das Germanistik-Department und das Deutsche Haus der Uni haben zu einem Abend geladen über das Thema "Ist Hegel tot – oder sind wir in seinen Augen tot? Eine hegelianische Analyse der Gegenwart". Doch statt eines braven akademischen Vortrags erleben die Zuhörer im Saal (der viel zu klein ist für die Schlange, die um den Häuserblock herum gewartet hat) zunächst ein Duell mit ungleichen Waffen.

fotos: john harris/deutsches haus at nyu
Philosoph und Kultur-Popstar in Aktion: Žižek an der NYU.

Ronell hebt zu geschliffenen Gedanken über Nietzsche und Sacher-Masoch an. Žižek fällt ihr ins Wort, er will nicht sexistisch sein, doch er kann diese und jene Schriften "nicht penetrieren". Ob er es je probiert habe? "Ja, mit Viagra, mit allem. Geht nicht." Ronell fasst sich, möchte mit entsprechendem Vokabular die Kurve zu höheren Gedanken schaffen und kommt irgendwie auf das deutsche Wort Ekel, wozu Žižek Hegel einfällt und zu Kant Cunt. Dazu müsse man weitere Überlegungen anstellen, meint sie. "Ach was, weitere Überlegungen!", unterbricht er sie. "Die Akademiker sagen das immer, wenn sie mehr Geld brauchen und ihre Jobs behalten wollen!"

Er ist frech wie Oskar, macht sich über Ronell lustig, bezeichnet sich als Stalinisten – sie möge reden, aber er würde entscheiden. Zwar bricht er seinen Behauptungen immer wieder die Spitze, indem er sie selber verdreht und verspottet, dennoch ist die Gastgeberin nach einer guten halben Stunde sichtlich erschöpft. Schwer atmet sie aus, setzt sich gestisch die Pistole an die Schläfe und verlässt die Bühne. Die hat er nun auch physisch für sich.

Kinoführer für Perverse

Unter den gegenwärtig hoch im Kurs stehenden Denkern, den public intellectuals, gibt es etliche, die exzentrisch agieren und gerne aus der Rolle fallen. Kaum einer aber tut dies so konsequent und so unbekümmert wie Slavoj Žižek. Einerseits ist er umfassend gebildet – Studium in Ljubljana und Paris, gründliche Beschäftigung mit Marx, Hegel, Heidegger, Lacan, mit tiefenpsychologischen ebenso wie mit ideologiekritischen Strömungen. Zudem setzt sich sich der 67-Jährige seit Jahrzehnten mit Film auseinander, produziert einschlägige Dokus ("The Pervert's Guide to Cinema"), veröffentlicht Bücher über Philosophie, Politik und Kultur und ist auf der halben Welt und im ganzen Netz mit Auftritten und Kommentaren präsent.

fotos: john harris/deutsches haus at nyu
Vergebliche Versuche, den Gast im Zaum zu halten: Avital Ronell stellt Slavoj Žižek vor.

Daher ist es andererseits kein Wunder, dass der laut "Vice"-Magazin "gefährlichste Denker des Westens" entsprechend viele Kritiker hat, die ihn als Modephilosophen und Rockstar der Kulturtheorie abtun. Dazu kommt sein Auftreten, aus dem wir schließen sollen, dass wir ihn vielleicht nicht so ernst nehmen müssen, wie seine Themen klingen – aber doch ernster, als er sich selbst zu nehmen scheint.

Politisch korrekte Bullshitter

So auch an diesem Abend. Angetan in einem zu großen dunkelgrauen T-Shirt und schlabbrigen Jeans, nimmt Žižek etliche Fäden auf, die ihm scheinbar gerade eingefallen oder entfallen sind.

Als wären wir mittendrin, denkt er laut darüber nach, ob Leute, die für die strenge Disziplinierung von allem Körperlichen sind, nicht eine Faszination mit ihren eigenen Körpern haben. Das führt ihn, so schnell können wir es gar nicht nachvollziehen, zu Walter Benjamin und seiner Beschäftigung mit "göttlicher Gewalt" – Benjamin habe das wörtlich gemeint und nicht nur vage bildhaft, wie manche "politisch korrekten Bullshitter" zu erklären versuchen (die zu Žižeks Lieblingsfeinden zählen, und er hat deren viele).

foto: john harris/deutsches haus at nyu
Provoziert und fasziniert zugleich: das Publikum bei Žižeks Vortrag.

Gewalt also als Haltung, und schon ist der Vortragende bei den Pariser Banlieues – man müsse nicht nur anerkennen, dass dort für die Immigranten eine ausweglose Situation herrscht, sondern auch, dass die Revolte sich als Erstes gegen die Moscheen gerichtet hat; das sei eine viel zu wenig beachtete Tatsache. Kaum denken wir darüber nach, fällt Žižek etwas zur Situation der Philosophie in Deutschland ein: "Zwei Drittel sind kognitive Hirnwissenschafter, der Rest irgendwelche Habermasianer."

Noch immer kein Wort darüber, ob wir nun tot sind oder doch Hegel. Kurz streift er ihn schließlich: "Die wahren Philosophen sind alle marginalisiert." Er plädiere für ein "Back to Hegel! Aber darüber will ich jetzt nicht im Detail reden. Fuck you! Lesen Sie mein Buch!"

John Waynes subtile Veränderungen

Schnitt. Nachdem er dagegen polemisiert hat, dass die ehemalige Linke sich hinter Etiketten wie "demokratische Sozialisten" versteckt, kommt er auf den Nahen Osten zu sprechen. "Was habt ihr (Amerikaner) hier angerichtet! Wobei die Europäer keinen Deut besser sind." Wenn man im Namen der Freiheit einen souveränen Staat angreift, und das Ergebnis ist unter anderem, dass alle Christen vertrieben werden und dass es den Frauen schlechter geht als zuvor: "Wo bleibt da der Sinn der Aktion?" Er wolle Saddam Hussein nicht im Mindesten verteidigen, aber was wir jetzt haben, sei eine mindestens so große Katastrophe.

michael freund
Aus seiner Nicht-Hegel-Performance: Slavoj Žižek im Cantor Film Center der New York University; auch auf der Bühne: Avital Ronell.

Schon ist Žižek bei dem gegenwärtigen Flüchtlingsdesaster. "Der einzige Staat, der nichts tut, ist Saudi-Arabien!" Er bekämpfe andererseits die Haltung der europäischen Linksliberalen, die die Grenzen für alle öffnen wollen. Man müsse der Sache auf den Grund gehen, und der sei der Neokolonialismus, die Irak-Invasion ebenso wie die Kriege etwa im Sudan und dem Kongo. Es gehe nicht um ethnische Streitereien, sondern um Bodenschätze, um ein Wettrennen zum Beispiel zwischen China und Frankreich.

Schnitt. Nun wieder Hegel. Wunderbar findet Žižek, wie sein Kollege Robert Pippin Westernfilme hegelianisch analysiert hat: Wie der die subtilen Veränderungen in John Waynes Gesicht in "The Searchers" deutet, das sei Philosophie in Reinkultur, "und man sieht übrigens auch, dass Wayne wirklich ein Schauspieler war".

Schnitt. "Enough of this bullshit. Die Psychoanalyse soll gefälligst raus aus der Nabelschau, dass wir uns selbst erkennen sollen. Der Patient soll lernen, dass es Wichtigeres gibt als sein Leiden." Er wolle sich auch nicht dauernd mit sich selbst beschäftigen. "Mir hat der Arzt nach einer Koloskopie eine DVD angeboten, auf der der Eingriff zu sehen war. Warum sollte ich so etwas haben wollen?!"

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Warum sich Demokratie und Kapitalismus auseinanderentwickeln: eine Betrachtung von Slavoj Žižek.

Sprünge wie bei Godard

Und noch etliche Schnitte. Zwischen ihnen denkt Žižek über den IS nach ("Ich bin kein Verschwörungstheoretiker, aber das ist wirklich extrem obskur. Wer steckt da dahinter?"), über Kulturen, die alle ihre unaussprechlichen Tabus haben, natürlich auch unsere westliche, vor allem über die dunklen Zeiten, die uns bevorstehen. "Der Kapitalismus braucht die Demokratie nicht mehr." Es gebe eine wachsende Zahl an autoritär regierten Staaten, die die demokratischen Spielregeln missachten, aber gut in der wirtschaftlichen Globalisierung eingebettet sind. Indien sei nur das zahlenmäßig größte Beispiel. Und da sind wir wieder bei Hegel und dessen Betrachtungen über die Französische Revolution: Seine berechtigte Frage sei, wie man das emanzipatorische Moment der Geschichte hochhalten könne.

Langsam wird klar, dass Žižeks Performance selber etwas von einem Film hat, von der Art, wie Jean-Luc Godard ihn seinerzeit geschnitten hätte, mit Jumpcuts und inhaltlichen Sprüngen. Und dass er Hegel an diesem Abend insofern spielt, als er ständig Haken schlägt, scheinbar vom Hundertsten ins Tausendste kommt, um erneut zum Thema zu gelangen, aber auf einer höheren Ebene (Synthese!).

Ronell wartet ungeduldig am Bühnenrand. Žižek weiß, dass er wie so oft die Redezeit weit überschritten hat. Sorry, es war viel zu lang, entschuldigt er sich, "but on the other hand, fuck you! I’m not really sorry." Offene Münder, Irritation, Staunen, Applaus! (Michael Freund aus New York, 21.10.2015)

Slavoj Žižek
Ärger im Paradies
Vom Ende der Geschichte zum Ende des Kapitalismus
Verlag S. Fischer, 26 Euro
Das Buch erscheint am Donnerstag.

Link

Deutsches Haus at New York University

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