Das große Warten in Spielfeld

20. Oktober 2015, 10:43
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An der südlichen Staatsgrenze wartet man auf tausende Flüchtlinge, die eine Route über Slowenien nach Deutschland suchen. In Österreich könnte jetzt ein "Rückstau" drohen

Graz/Gabčíkovo – Seit Ungarn am Wochenende die Grenzen dichtgemacht und auch die letzten Übergänge zu Kroatien mit einem Zaun abgeriegelt hat, verlagert sich die Flüchtlingsroute nun von Kroatien und Slowenien zu Österreichs Südgrenze.

Erste größere Flüchtlingsgruppen sind bisher nur in der Steiermark eingetroffen, an der Kärntner Grenze zu Slowenien blieb es vorerst ruhig, hier wurden aber die Grenzkontrollen verschärft. Die Kontrollen werden bis mindestens 4. November fortgesetzt. Dies wurde auch der EU-Kommission am Montag mitgeteilt.

Die noch ruhige Lage an den südlichen Grenzen Österreichs könnte sich in den nächsten Tagen dramatisch verändern. Kroatien macht Druck, dass das Nachbarland Slowenien mehr Flüchtlinge als bisher aufnimmt. Slowenien will von Kroatien pro Tag aber nur 2500 Schutzbedürftige übernehmen, die es dann in Richtung Österreich weiterleitet – was hier zu einem "Rückstau" führen dürfte, zumal Deutschland gegenwärtig nur 30 Flüchtlinge pro Stunde über die Grenze lässt, also 720 Personen täglich.

Merkel: Keine Grenzzäune

Trotz angespannter Stimmung im Land und innerparteilichen Drucks bleibt Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrem Nein zu Grenzzäunen. Unklar bleibt, wie viele Flüchtlinge in nächster Zeit nach Deutschland dürfen.

Zwischen Slowenien und Österreich kam es am Montag zu einigen Irritationen, nachdem Slowenien verlauten ließ, Österreich nehme keine Flüchtlinge mehr auf, was vom Innenministerium in Wien umgehend dementiert wurde. Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) sei von ihrer slowenischen Amtskollegin Vesna Györkös Znidar gebeten worden, mehr Flüchtlinge pro Tag einreisen zu lassen. Sie habe aber "im Sinne einer kontrollierten Vorgangsweise an der slowenisch-österreichischen Grenze abgelehnt", hieß es aus dem Ministerium.

Keine Prognose möglich

In Radkersburg wurden rund 400 Personen registriert, in Spielfeld 300. Dass "tausende Flüchtlinge" bereits in den nächsten Stunden in Österreich eintreffen, sei "ein Gerücht, das können wir nicht bestätigen", sagt Polizeisprecher Fritz Grundig dem STANDARD.

Tatsache sei aber, dass sich die Situation stündlich ändere, es sei momentan keine Prognose möglich, wiewohl die Kooperation mit den slowenischen Behörden gut funktioniere.

Der Patriarch der syrisch-orthodoxen Kirche warnt Europa wiederum vor dem Einsickern von Extremisten. "Es besteht zu Recht die Angst, dass unter den Flüchtlingen auch IS-Kämpfer und andere Extremisten sind", sagte Ignatius Aphrem II am Rande einer Pressekonferenz zur Eröffnung des syrisch-orthodoxen Lehrstuhls an der Uni Salzburg.

4.000 Menschen nachts in Notquartieren

Die Nacht auf Dienstag verbrachten 4.000 Flüchtlinge in betreuten Transitquartieren. 850 befanden sich in der Früh an Sammelstellen in der Steiermark und in Salzburg. Diese Zahlen nannte der Bundesrettungskommandant des Roten Kreuzes, Gerry Foitik. Die Zahl der Menschen in Notquartieren ist damit zum dritten Mal in Folge zurückgegangen.

Ban Ki-moon besucht Flüchtlingslager

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon besuchte am Montagnachmittag gemeinsam mit Mikl-Leitner und dem slowakischen Innenminister Robert Kalinak die Flüchtlingsunterkunft in der südslowakischen Stadt Gabčíkovo. Mittlerweile sind dort 485 Flüchtlinge untergebracht, deren Asylverfahren in Österreich läuft. (Walter Müller, 19.10.2015)

  • Ein Bild von der kroatisch-slowenischen Grenze, wo Flüchtlinge versuchen, sich mit Feuern vor der Kälte zu schützen. Fast alle wollen weiter über Österreich nach Deutschland.
    foto: apa/kuppljenik

    Ein Bild von der kroatisch-slowenischen Grenze, wo Flüchtlinge versuchen, sich mit Feuern vor der Kälte zu schützen. Fast alle wollen weiter über Österreich nach Deutschland.


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