Herausgeber Tichy: "Facebook ist die große Zahl, bei Xing sind die Spezialisten"

Interview20. Oktober 2015, 07:00
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Das Karriereportal Xing legt sich eine Redaktion zu. Herausgeber Roland Tichy und Chefredakteurin Jennifer Lachman erklären, warum Karrieristen lieber dort als auf Facebook diskutieren sollen

Hamburg/Wien – Xing-Nutzer sollen seit Montag auch zu Gastkommentaren von Wirtschaftsexperten diskutieren. Redaktionell geleitet wird das Format "Klartext" von den Wirtschaftsjournalisten Roland Tichy und Jennifer Lachman.

STANDARD: Sie haben Stellen für Redakteure ausgeschrieben – wie groß soll Ihre Redaktion denn werden?

Lachman: Wir planen in einem ersten Schritt eine Redaktion, die sieben Personen umfasst – inklusive Roland Tichy und mir. Drei der Stellen haben wir schon besetzt, zwei sind noch offen, dafür sichten wir gerade die Bewerbungen. Wir haben sehr viele Bewerbungen bekommen, weil es offensichtlich großes Interesse an neuen journalistischen Formaten gibt und wir mit Xing in der glücklichen Lage sind, ein funktionierendes Geschäftsmodell zu haben.

STANDARD: Schon bis jetzt haben Ihre User sogenannte "Snippets" anderer Medien bekommen. Wozu eine eigene Redaktion?

Tichy: Das bisherige Modell hat Cord Grünewald (Director of Content, Anm.) aufgebaut. Jetzt wird Xing auch zum Inhalteanbieter. Das ist eine Tendenz, die auch anderswo zu beobachten ist: Man stellt nicht nur die Straße zur Verfügung, sondern auch die Lkws mit dem Inhalt. Die Redaktion wird versuchen, mit den Mitgliedern eine ständige Inhaltekonferenz zu führen und mit den möglichst prominenten oder sachkundigen Experten ein Gespräch anzufangen, das sich dann in der Mitgliederschaft fortsetzt.

STANDARD: Welche Motivation sollen denn User haben, auf Xing zu diskutieren, statt gleich auf Facebook zu bleiben?

Tichy: Da besteht insofern keine Konkurrenzbeziehung, als Xing eine besondere Gruppe von Leuten anspricht. Facebook ist die ganz große Zahl, bei Xing sind die Spezialisten der Wirtschaft. Das verändert natürlich auch die Themen und das Niveau der Diskussion.

STANDARD: Wer schreibt bei "Klartext"?

Lachman: Wir wollen der deutschen Wirtschaft eine Stimme geben, deshalb haben wir hier einen Mix: prominente Vertreter aus der Wirtschaft, aber etwa auch die stellvertretende Bundesvorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Gleichzeitig schreiben auch Personen aus dem mittleren Management und Leute, die aus ihrer eigenen Betroffenheit erzählen.

STANDARD: Sie waren beide vorher bei klassischen Medienunternehmen tätig. Jetzt sind Sie bei Xing, das vorrangig eine Karriereplattform ist. Eine Umstellung?

Tichy: Ja, weil das Konzept ein ganz anderes ist. Xing finanziert sich zum Beispiel über Beiträge. Die Frage nach Anzeigen oder ob man jetzt einen Abonnenten gewonnen hat oder nicht, stellt sich da gar nicht. Es ist ein anderes Geschäftsmodell, und ich finde es sehr spannend, daran mitzuwirken. Wir haben ja alle das Gefühl, dass die bisherigen Modelle – Vertriebserlöse, Anzeigenerlöse – nicht mehr so recht funktionieren.

Lachman: Was gleich ist wie bei anderen Redaktionen, ist das Thema redaktionelle Unabhängigkeit. Wir sind komplett frei in den Themen, die wir gerne ansprechen wollen.

Tichy: Es ist ein journalistisches Produkt, es gibt keine Anzeigen – man kann sich nicht einkaufen. Die Themen werden von der Redaktion definiert, und die Gesprächspartner werden von ihr bestimmt.

STANDARD: Sie schließen also aus, dass in ein paar Wochen ein Anruf vom Vorstand kommt, dieser oder jener Artikel passe nicht?

Tichy: Ja, das schließe ich aus. Und wenn der Anruf doch kommen würde, würde ich ihn genauso behandeln, wie ich das früher auch behandelt habe: ignorieren.

STANDARD: Der Online-Journalismus gilt nicht unbedingt als Cashcow. Welche Erwartungen werden von Xing an Sie gestellt?

Tichy: Xing muss ständig etwas dafür tun, die Plattform für die Mitglieder noch attraktiver zu machen. Wir glauben, dass wir etwas Spannendes bieten, indem wir einerseits Informationen vermitteln, aber gleichzeitig auch anbieten, sich aktiv an der Diskussion dazu zu beteiligen. Die Menschen wollen im heutigen Zeitalter "mitschnabeln". Das führt natürlich im Grenzbereich auch zu unangenehmen Situationen, wie wir alle wissen. Aber wir glauben, dass wir hier durch die Besonderheit von Xing auch gegenüber Facebook punkten können: Bei Xing ist der wirtschaftliche Sachverstand zuhause. (Sebastian Fellner, 20.10.2015)

Roland Tichy war bis 2014 Chefredakteur der "Wirtschaftswoche".

Jennifer Lachman arbeitete unter anderem bei der "Financial Times Deutschland".

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  • Wollen "Spezialisten aus der Wirtschaft" anlocken: Chefredakteurin Jennifer Lachman, Herausgeber Roland Tichy.
    foto: xing

    Wollen "Spezialisten aus der Wirtschaft" anlocken: Chefredakteurin Jennifer Lachman, Herausgeber Roland Tichy.

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